Stop & Go

Methodenbeschreibung

Katharina Debus, letzte Aktualisierung November 2025

Methodenbeschreibung als pdf zum Download: Stop & Go

Weitere Methodenbeschreibungen finden Sie unter: https://katharina-debus.de/material/paedagogik#methodenbeschreibungen-handreichungen-materialsammlungen

Themen & Ziele

  • Vorbereitung eines heiklen Themas
  • Grenzen und Wünsche der Einzelnen kennen und berücksichtigen
  • ggf. Arbeiten am Verhältnis der Teilnehmenden zueinander und zur Leitung

Zielgruppe(n)

  • alle, die schreiben können

Anwendung & Grenzen

Gruppengröße

  • bis zu 30 Personen, mehr mit entsprechend mehr Auswertungsarbeit

Gruppenzusammensetzung

  • alle

Zeitpunkt/Einbettung

  • vor einem für Menschen in der Zielgruppe potenziell heiklen, peinlichen, verunsichernden, schmerzhaften etc. Thema, z.B. Gewalt, Diskriminierung, Sexualität, sexualisierte Gewalt etc.
  • danach Pause zur anonymisierten Auswertung, bevor mit dem Thema begonnen wird
  • ggf. auch zum Einstieg in ein Seminar ohne heikles Thema.

Rahmenbedingungen

Zeit

  • Kartenabfrage ca. 5-15 Minuten
  • Auswertung durch die Leitung (alleine bzw. im Team) je nach Auswertungsmethode und Gruppengröße mind. 10-20 Minuten
  • Auswertung mit der Gruppe gemeinsam je nach Auswertungsmethode 10-40 Min

Material

  • rote und grüne Moderationskärtchen plus ggf. eine weitere Farbe (z.B. gelb)
  • Stifte
  • je nach Auswertungsmethode ggf. Wandzeitung, Pinnwand, Flipchart, Tafel, Whiteboard, Magnetwand, Platz am Boden, Pinns, Magnete etc.

Aufbau, Anleitung, Vorgehen

Einführung / Hintergrundinformationen

Es gibt einige Themen, bei denen es besonders wichtig ist, über Grenzen und Bedürfnisse der Teilnehmenden möglichst informiert zu sein. Unter anderem trifft dies auf Themen zu,

  • die zu Belastungen bis hin zu Re-Traumatisierungen führen können (z.B. Gewalt, Diskriminierung, aber bei entsprechenden Vorerfahrungen auch z.B. Sexualität, Körperkontakt, Gespräche über Familie etc.)
  • die das persönliche Schamgefühl herausfordern oder verletzen können (z.B. Sexualität)
  • die zu einer Reproduktion von Diskriminierung und Ausgrenzung in der Gruppe führen können (z.B. Körperbilder, Diskriminierung, aber auch Sexualität, wenn dieses Thema für Abwertungen genutzt wird, oder Berufsorientierung, wenn es zu klassistischen Abwertungen genutzt wird etc.) je nach Zusammensetzung (potenziell schmerzhafte Erfahrungen) und Stimmung/Umgangsweisen in der Gruppe

Bei solchen Themen kann es hilfreich bis notwendig sein, davor in einem anonymisierten Rahmen den Teilnehmenden die Möglichkeit zu eröffnen, eigene Grenzen und Bedürfnisse zu formulieren.

Darüber hinaus kann die Methode auch zu Beginn eines Seminars sinnvoll sein, wenn es um kein heikles Thema geht. Auch hier kann es hilfreich sein, Wünsche und Bedürfnisse der Teilnehmenden zu erfahren. In einer solchen Situation bieten sich mehrere anonymisierte und nicht anonymisierte Methoden an, darunter auch Stop & Go.

Schritt-für-Schritt-Anleitung

1. Einführung

Im Folgenden die Möglichkeit einer Einleitung, die sprachlich der Zielgruppe und dem Thema angepasst werden muss:

Wir werden uns heute/die nächsten Stunden/morgen/nächste Woche mit dem Thema xy befassen. Manchmal haben wir an so ein Thema Wünsche, was nicht passieren soll oder brauchen etwas, um uns auf das Thema einlassen zu können. Ich möchte diese Wünsche in einer anonymisierten Form von Euch abfragen.

Ich gebe Euch jetzt gleich rote und grüne Karten, wie bei einer Ampel.

Auf die roten Karten sollen Dinge, die nicht passieren sollen. Das können Themen sein, über die Ihr nicht sprechen wollt, oder Verhaltensweisen von anderen, oder auch Gruppenzusammensetzungen, dass Ihr z.B. über das Teil-Thema zzz nicht in der großen Gruppe sprechen wollt, aber vielleicht schon in einer Mädchen-/Frauen- oder Jungen-/Männer oder einer queeren Gruppe oder mit Euren besten Freund*innen oder so. Ich kann Euch nicht versprechen, dass ich alle Eure Wünsche umsetzen kann, aber ich werde mich darum bemühen. Wenn ich manche Dinge nicht berücksichtigen kann, sage ich das vorher und dann könnt Ihr überlegen, ob Ihr trotzdem mitmachen oder in der Zeit etwas anderes tun wollt (z.B. Kopfhörer aufsetzen => Link: Kopfhörer-Methode). Besonders gerne wüsste ich es, wenn es Dinge gibt, die Euch verletzen oder Angst machen könnten oder bei denen Ihr Euch sehr unwohl fühlen würdet.

Auf die grünen Karten sollen umgekehrt Dinge, die Ihr braucht, um Euch bei der Besprechung des Themas wohl- bzw. sicher fühlen zu können. Auch hier kann es um die Atmosphäre/Stimmung oder den Umgang in der Gruppe gehen, um Inhalte oder darum, mit wem Ihr welches Thema besprechen oder nicht besprechen wollt, also z.B. in der Großgruppe oder nicht in der Großgruppe etc.

Zum Ausfüllen der Kärtchen könnt Ihr Euch im Raum verteilen. Bitte lasst Euch gegenseitig in Ruhe schreiben und guckt Euch nicht in die Karten.

Alle sollen Ihre Karten nachher wieder abgeben, damit es auch wirklich anonym wird. Ihr könnt die Karten aber gerne auch leer abgeben, wenn Ihr keine wichtigen Wünsche dafür habt.“

Der folgende Teil ist besonders wichtig in Gruppen, die ihre Handschriften kennen könnten (Schulklassen, Kolleg*innen, Freund*innen etc.), aber zumindest einige Aspekte sind auch in anderen Gruppen potenziell relevant:

Ich werde diese Kärtchen anonymisiert also ohne Eure Namen oder so auswerten. Da Ihr Eure Handschriften teilweise kennt, werde ich mir die Kärtchen anschauen und überlegen, was ich davon öffentlich mache, indem ich es abschreibe, und was ich für mich behalte.

Wenn Ihr möchtet, dass ich Euch auf irgendwas nochmal anspreche oder wenn Ihr nicht sicher seid, ob ich Euren Kommentar verstehe, und nicht wollt, dass ich die ganze Gruppe frage, was damit gemeint ist, schreibt Euren Namen drauf (den schreibe ich natürlich nicht für alle ab). Ansonsten könnt Ihr es gerne ganz anonym machen.

Wenn Ihr auf keinen Fall wollt, dass die Gruppe etwas erfährt, auch wenn ich es nur anonymisiert ohne Namen auf ein Plakat schreiben würde, dann schreibt das auch auf die Karte. Dann behalte ich es komplett für mich.“

2. Kärtchen beschriften lassen

Teilen Sie den Teilnehmenden Kärtchen aus, sodass jede Person mindestens 2 grüne und rote Kärtchen hat. Sie können weitere Kärtchen in die Mitte legen, falls diese nicht reichen.

Achten Sie darauf, dass die Teilnehmenden sich gegenseitig in Ruhe die Karten schreiben lassen und sich insbesondere nicht gegenseitig in die Karten gucken. Die Atmosphäre sollte so sein, dass alle, die wollen, sich auf die Karten konzentrieren können.

Stehen Sie für Fragen zur Verfügung und verlassen Sie den Raum nicht. Sammeln Sie zwischendurch Karten ein, wenn welche fertig sind und achten Sie ggf. durch alternative Beschäftigungsangebote darauf, dass die, die fertig sind, die anderen nicht stören. Insbesondere bei potenziell belastungsauslösenden Themen sollten Sie die Teilnehmenden nicht beim Beschreiben der Karten stressen.

3. Eigene Auswertung & Visualisierung der Karten durch die Leitung

Nehmen Sie sich etwas Zeit für die Auswertung der Karten, mindestens im Rahmen einer Pause, nach Möglichkeit mehr, indem Sie die Abfrage z.B. einen Tag vor Beginn der betreffenden Einheit durchführen oder vor einer längeren Einzelarbeitsphase.

Gehen Sie die Kärtchen durch und sortieren Sie sie thematisch. Erfahrungsgemäß geht in den meisten Jugend- und Erwachsenengruppen einiges durcheinander zwischen inhaltlichen und atmosphärischen Wünschen und Grenzen, allgemeinerer Kritik und Wünschen an die Leitung und die Gruppe sowie Ironie/Humor und Provokation. Sie müssen sich in der Einschätzung der Karten entweder auf Ihr Gefühl verlassen oder je nach Möglichkeit und Wunsch auch mit der Gruppe rücksprechen. Sie können für sich die Karten u.a. danach aufteilen, was bei Ihnen als ernsthafte Grenzen bzw. Voraussetzungen der Arbeitsfähigkeit ankommt und was eher als allgemeinere Wünsche und Präferenzen.

In der Regel sollten Sie danach, z.B. zu Beginn der betreffenden thematischen Einheit, Ihre Auswertung transparent machen. Dabei kann es durchaus Mitteilungen geben, die Sie für sich behalten sollten, beispielsweise wenn eine Äußerung sehr eindeutig auf eine Person zurückzuführen ist und Sie den Eindruck haben, dass das nicht deren Interesse ist, oder wenn Ihnen sehr persönliche Dinge mitgeteilt werden.

Überlegen Sie auch, welche Wünsche Sie erfüllen können und wie Sie mit insbesondere wichtig wirkenden Wünschen oder Grenzen umgehen wollen, die Sie nicht erfüllen können (z.B. in sexualpädagogischen Einheit nicht über Sex sprechen, in einer Einheit über Diskriminierung keine Beispiele für Diskriminierung geben etc.). Schauen Sie auch, ob es Wünsche und Grenzen von Teilnehmenden gibt, die in Spannung zueinander stehen, und überlegen Sie, wie Sie das thematisieren und einen Umgang damit finden wollen (z.B. ohne Befangenheit über eigene Diskriminierungs- oder Gewalterfahrungen sprechen wollen als Empowerment <=> möglichst wenig mit Diskriminierungsbeispielen konfrontiert werden wollen als Selbstschutz; offen über Sex sprechen können <=> nichts über Sex hören wollen; ohne Sorge frei sprechen können <=> Wunsch nach diskriminierungssensibler Sprache etc.).

Entscheiden Sie sich in der Vorbereitung für eine Methode der Rückmeldung und machen Sie diese in der Anmoderation transparent. Im Folgenden wird die Methode mit Wandzeitung bzw. Flipchart oder Whiteboard oder auf den Boden gelegten Kärtchen beschrieben.

Teilen Sie eine Wandzeitung/Flipchart/Whiteboard/Tafel mit einem vertikalen Strich in einen Bereich Stop und einen Bereich Go mit entsprechenden Überschriften. Schreiben Sie in jeden dieser Bereiche die Inhalte, die Sie transparent behandeln möchten, direkt oder auf Kärtchen, die Sie auf einer Pinnwand/Magnetwand etc. befestigen. Es ist sinnvoll, nicht gerade die Dinge wegzulassen, die Sie als ärgerlich bzw. unkonstruktiv empfinden (z.B. „Ferien“). Sie haben ja davor schon angekündigt, dass Sie nicht alle dieser Wünsche erfüllen werden. Es macht Sinn, die Mitteilungen geclustert und nicht notwendigerweise im Originalwortlaut sondern zusammenfassend aufzuschreiben. Auch wenn es gegenläufige Wünsche gibt, können Sie diese nebeneinander stellen und die Widersprüchlichkeit beispielsweise durch einen <=> kenntlich machen.

Als Wünsche verpackte Angriffe auf andere Teilnehmende sollten nach Möglichkeit nicht in einer Weise transparent gemacht werden, in der sie für diese verletzend wirken. Sie können ggf. anonymisiert/generalisiert festgehalten werden (beispielsweise „Ich will nicht mit xx in einer Gruppe sein.“ => Wunsch nach selbstgewählten Gruppen. Oder „YY macht blöde Sprüche über Mädchen.“ => Keine blöden Sprüche über Mädchen.) Oder Sie können diese als übergeordnetes Thema ansprechen, das Sie mit der Gruppe behandeln möchten (z.B. „Zz ist eine Schlampe.“ => Ich habe hier Beleidigungen gelesen, die ich mit Euch an anderer Stelle noch mal besprechen möchte).

Wenn die Teilnehmenden Ihnen vorher glaubhaft versichert haben, ihre Handschriften nicht zu kennen, und die Inhalte der Kärtchen keine Umformulierungen brauchen, können Sie auch stattdessen die Kärtchen der Teilnehmenden an eine Pinnwand oder Magnetwand hängen oder auf den Boden legen. Darüber sollten Sie dann Überschriftenkärtchen mit Stop & Go hängen.

Wenn Sie keine Wand- oder Hängefläche haben, können Sie die Auswertung auch in einem Stuhlkreis auf dem Boden machen. Es ist dann nicht möglich, die Wünsche und Grenzen zur Erinnerung während der ganzen Einheit hängen zu lassen. Manchmal ist das aber auch sowieso nicht sinnvoll, wenn dadurch zu viel Belastendes im Raum steht.

4. Stellungnahme bzw. Transparenz der Leitung

Gehen Sie anhand der Visualisierung durch die verschiedenen Wünsche und Grenzen und erklären Sie, wie Sie diese verstehen und was sie daraus für die folgende Einheit ableiten.

Insbesondere, wenn Sie Wünsche nicht oder nur teilweise berücksichtigen können, begründen Sie dies und signalisieren Sie damit, dass Sie diesen Wunsch dennoch ernst nehmen. Wichtig ist, bei vermutet wichtigen Wünschen oder Grenzen, die Sie nicht erfüllen können, Alternativ-Vorschläge, individuelle Regelungen oder Exit-Optionen anzubieten (z.B. mit Kopfhörern Musik hören, wenn über Sexpraktiken oder über detailliertere Diskriminierungserfahrungen gesprochen wird, s. Fußnote 1).

Stellen Sie u.U. auch Nachfragen, die vor der Gruppe oder persönlich beantwortet werden können, wenn Ihnen Aspekte nicht klar sind oder es um die Frage geht, unter welchen Bedingungen z.B. eine Teilnahme bei einem problematischen Teil-Thema doch möglich sein könnte.

Wenn Sie Wünsche als Kritik an Ihnen oder als Scherz oder Provokation lesen, können Sie auch dies benennen und bei Bedarf dazu Stellung nehmen, bei Letzteren können Sie natürlich auch ggf. mit Humor reagieren.

Wenn Sie Wünsche gar nicht erfüllen können oder wollen (z.B. diskriminierende Wünsche wie nicht über Homosexualität sprechen, aber auch Wünsche, die dem Seminarzweck zuwiderlaufen, wie in einem Seminar über Sexismus nicht über konkreten Sexismus sprechen), dann sollten Sie diese trotzdem ernstnehmen und begründen, warum Sie diese nicht umsetzen.

Bei widersprüchlichen Wünschen unter den Teilnehmenden sollte idealerweise gemeinsam mit der Gruppe über mögliche Umgangsweisen gesprochen werden. Wenn das aus zeitlichen oder gruppendynamischen Gründen nicht möglich ist, sollten Sie es als Spannung sichtbar machen und benennen oder als Vorschlag besprechbar machen, welchen Umgang Sie sich überlegt haben.

5. Ggf. Feedback durch die Teilnehmenden

Wenn Sie entsprechend viel Zeit einplanen wollen und können, können Sie mit der Gruppe gemeinsam Regeln aus dem Gesammelten ableiten. Andernfalls können Sie Ihre Regeln und Ableitungen aus der Sammlung mündlich oder auch schriftlich festhalten und der Gruppe Gelegenheit geben, dazu Stellung zu nehmen, beispielsweise um Missverständnisse zu korrigieren.

Dabei sollte in der Regel unterbunden werden, dass die Teilnehmenden über bestimmte Wünsche in abwertender oder psychologisierender Weise diskutieren (z.B. „Na, wenn das welche nötig haben… Mir würde das nix ausmachen.“ „Das ist ja voll baby…“ „Das [gewünschte] Thema ist eklig.“). Klar rüberzubringen ist während der gesamten Methode die Haltung, dass alle Wünsche und Grenzen zu respektieren sind, auch wenn es vielleicht nicht möglich ist, alle auf einmal und immer zu erfüllen (Abwertungen, Diskriminierungen oder Gewalthandlungen sind selbstverständlich nicht zu respektieren). Dies funktioniert nur, wenn sich dies auch in Ihrer eigenen Praxis ausdrückt.

Variante 1: Einsatz zur Erarbeitung von Gruppenregeln

Sie können diese Methode auch zum Beginn einer Arbeitsphase mit einer neuen Gruppe (Seminargruppe, Klasse etc.) oder zu einem Neubeginn in einer bestehenden Gruppe nutzen. In diesem Falle ist es sinnvoll, gemeinsam mit der Gruppe Regeln des Umgangs daraus abzuleiten und ggf. gemeinsam zu sortieren, welche Bedürfnisse und Grenzen sehr dringlich sind und welche ‚nur‘ Präferenzen sind.

Je nach Ihrer Einschätzung der Gruppe kann die Methode in diesem Kontext (also jenseits heikler Themen) auch nicht-anonymisiert oder halb-anonymisiert (also unter anonymisierter Verwendung der Kärtchen mit erkennbarer Handschrift) durchgeführt werden, muss aber entsprechend angekündigt werden. Dies ist einerseits weniger Arbeit für Sie, wird aber andererseits wahrscheinlich verhindern, dass unterschwellige Probleme in der Gruppe oder Wünsche, die Gruppennormen widersprechen, geäußert werden.

Variante 2: Ergänzung durch die Kategorie Erfahrungen

In manchen Gruppen ergänze ich eine dritte Kärtchen-Kategorie: Erfahrungen (meist mit gelben Kärtchen). Diese moderiere ich z.B. wie folgt an:

„In manchen Themen haben wir manchmal nicht auf dem Schirm, wie unterschiedlich die Erfahrungen in einer Gruppe sein können. Es kann dabei dann auch passieren, Bedarfe oder Verletzlichkeiten oder auch Ressourcen zu übersehen. Wenn Ihr möchtet, dass wir anonym wissen, dass Ihr mit einer bestimmten Erfahrung im Raum seid, könnt Ihr die sehr gerne auf ein gelbes Kärtchen schreiben. Hier gilt alles, wie ich es bzgl. der grünen und roten Kärtchen gesagt habe: Wenn ich die Information für mich behalten soll, schreibt das gerne dazu. Wenn Ihr dazu gerne von mir angesprochen worden werden wollt, schreibt das auch gerne dazu. Und auch, wenn Ihr Nachfragen gut oder okay fändet. In den letzten beiden Fällen brauche ich dann auch Euren Namen. Ansonsten kann das sehr gerne anonym sein.“

In Schulklassen habe ich diese dritte Kategorie bislang sehr selten angewendet und wenn, dann in der Variation, dass ich die Inhalte der gelben Kärtchen auf jeden Fall für mich behalte. Ansonsten besteht das Risiko, dass die Gruppe danach Nachforschungen anstellt, wer die entsprechende Person sein könnte. Entsprechend bin ich auch in Teams vorsichtig.

Oft verwendet habe ich sie in der Arbeit mit frei angemeldeten Fachkräften, in größeren Studierendengruppen und wenn ich mit Ehrenamtlichen der queeren Bildung dazu arbeite, sie auf den Umgang mit sexuellen Fragen in der Arbeit mit Schulklassen vorzubereiten. Oft werden bei dieser Frage Gewalterfahrungen (teils auch sehr konkret mit dazugehörigem bitte zu vermeidendem Trigger) oder Brüche mit der Familie genannt, aber auch z.B. noch keine sexuelle Erfahrung zu haben, asexuell zu sein oder auch z.B. Sexarbeitserfahrungen und Sorge vor Abwertungen von Sexarbeit. Teilnehmende sind zum Teil sehr erleichtert, anonymisiert für ihre Erfahrungen und ggf. damit einhergehende Bedarfe sensibilisieren zu können.

Kommentare, Erfahrungen & Risiken

Die Methode ist nur sinnvoll, wenn Sie auch bereit und in der Lage sind, insofern prozessorientiert zu arbeiten, als dass Sie Ihren Plan bei Bedarf den Stops und Gos Ihrer Teilnehmenden anpassen oder aber eine konkrete Planung überhaupt erst auf Grundlage dieser Abfrage entwerfen.

Es geht dabei nicht darum, sich allen Wünschen und Grenzen der Teilnehmenden zu unterwerfen – nicht immer ist es möglich oder sinnvoll, alle Wünsche zu erfüllen. Aber Sie sollten bereit sein, das eine oder andere neu zu denken oder anders zu machen, also auf Grundlage der Angaben der Teilnehmenden informierte Entscheidungen bezüglich Ihres methodisch-inhaltlichen Vorgehens zu treffen.

Für Teilnehmende kann es enttäuschend, ggf. auch verletzend sein, wenn Wünsche oder Grenzen explizit übergangen werden. Ein Verzicht auf partizipatives Arbeiten kann aber nicht die Alternative hierzu sein. Wenn Sie eine Atmosphäre herstellen, in der den Teilnehmenden bewusst ist, dass Sie ihre Wünsche grundsätzlich ernstnehmen, können diese auch eher akzeptieren, wenn das nicht in allen Fällen möglich ist. Desto dringlicher und persönlicher der jeweilige Wunsch ist, desto mehr Erklärung bedarf es, wenn er in einem konkreten Moment nicht berücksichtigt werden kann.

Anstrengend werden kann die Methode, wenn sie von Teilnehmenden genutzt wird, generell zu provozieren oder allgemeinere Kritik zu äußern. Dann kann es schwierig werden, tatsächliche dringliche Bedürfnisse und Grenzen herauszufiltern. Vorsicht ist angeraten, nicht zu viele Wünsche, die vielleicht unglücklich geäußert sind oder in Konflikt zum eigenen Plan stehen, gleich als Provokationen abzuwehren. Sie können Ihre Zweifel dann vielleicht eher als Fragen äußern.

Desto geübter Gruppen mit partizipativen Methoden sind, desto einfacher wird diese Arbeit. Wenn dies die erste Gelegenheit der Gruppe ist, Wünsche etc. anonymisiert zu äußern, ist das Risiko besonders hoch, dass es zu vielen Provokationen kommt. Die Auseinandersetzung mit diesen kann aber den Weg bereiten, nach und nach besser partizipativ zu arbeiten. Partizipation muss geübt werden, ist aber die Voraussetzung für produktives Arbeiten an vielen persönlicheren Themen. Auch allgemeinere Kritikpunkte oder beispielsweise Beleidigungen anderer Teilnehmender in dieser anonymisierten und zunächst nicht-öffentlichen Weise können Ihnen wichtige Erkenntnisse zur Gruppe geben, mit denen Sie langfristig gut weiterarbeiten können.

Zeitlich besteht das Risiko, dass die Methode viel Zeit einnimmt. Wenn Sie nur sehr begrenzte Zeit für das inhaltliche Thema haben, auf das die Methode vorbereiten soll, bietet es sich an, die Auswertung sehr frontal zu machen und die Teilnehmenden zu bitten, dies nicht zu diskutieren sondern Sie lieber persönlich anzusprechen, wenn sie Einwände haben.

Es kann passieren, dass Sie bei oder infolge der Methode Hinweise auf (auch schwere) Gewaltwiderfahrnisse von Teilnehmenden erhalten. Dies ist einerseits oft überfordernd. Andererseits wäre es schlimmer, wenn diese Teilnehmenden durch die Einheit Retraumatisierungen erfahren (dies trifft insbesondere auf das Thema sexualisierte Gewalt zu). Und es kann für Teilnehmende eine wichtige Chance sein, Belastungen aufzudecken und Unterstützung zu finden.

Wenn Sie ein solches Thema bearbeiten, sollten Sie in jedem Fall vorher Informationen über Beratungsstellen parat haben und darauf vorbereitet sein, dass in jeder Gruppe Betroffene sein können. Hilfreich ist, sich im professionellen oder privaten Umfeld mit Menschen abgesprochen zu haben, die Sie ggf. unterstützen können, wenn sie mit Gewaltwiderfahrnissen von Teilnehmenden konfrontiert werden, da diese auch für Pädagog*innen und erst recht für ehrenamtlich Engagierte belastend wirken können. Es ist völlig legitim und Ausdruck professioneller Selbstsorge und qualitativen fachlichen Handelns, sich in solchen Fällen Unterstützung zu suchen. Auch Beratungsstellen beraten in der Regel Menschen, die mit Betroffenen zu tun haben, ohne selbst betroffen zu sein. Sie sollten in einem solchen Fall nicht überstürzt handeln, sondern sich bzgl. eines sinnvollen weiteren Vorgehens informieren und beraten lassen. Ein überstürztes Handeln kann insbesondere bei Gewalthandlungen im Elternhaus die Kinder bzw. Jugendlichen ernsthaft gefährden, aber auch in anderen Fällen sind Pädagog*innen im Panik-Modus selten hilfreich für Betroffene.

Hinweise zu sinnvollen Vorgehensweisen und häufigen Fehlern, die aus meiner Sicht auch für die Arbeit mit anderen Altersgruppen relevant sind, finden Sie z.B. im Kapitel Ein Kind wurde sexuell missbraucht. Was kann ich tun? in Enders, Ursula (Hg.) (2012): Grenzen achten: Schutz vor sexuellem Missbrauch in Institutionen; ein Handbuch für die Praxis. Köln: Kiepenheuer & Witsch.

Quelle

In der ursprünglichen Form erlernt in der Heimvolkshochschule „Alte Molkerei Frille“ und seitdem weiterentwickelt und verschriftlicht von Katharina Debus.