Artikelserie: Sex, BDSM und Vanilla zwischen Konsens, Lustgewinn und Auseinandersetzung mit Gesellschaft

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Katharina Debus, August 2023

Artikelserie als pdf zum Download: https://katharina-debus.de/wp-content/uploads/Debus-Sex-BDSM-Vanilla-Konsens-Lust-Gesellschaft-lang.pdf

Die Idee zu dieser Artikelserie entstand, als ich mit Ulla Wittenzellner über ihre Anfrage sprach, für die 2023er Ausgabe des BOYkott-Magazins (https://www.boykott-magazin.de/) etwas zu BDSM beizusteuern, aber dass Themen wie Konsens, internalisierte Unterdrückung und Sexualität nicht nur für BDSM relevant sind. Und dass es daher interessant sein kann, sie breiter aufzumachen, und so auch zu unterlaufen, dass BDSM einseitig problematisiert wird und umgekehrt zu anderen sexuellen Praktiken weniger Reflexionsräume zur Verfügung gestellt werden.

Kurze Lesehilfe:

BDSM bzw. Kink: Praktiken, die explizit ausgehandelt einvernehmlich mit Bewegungseinschränkung, Macht, Schmerz, Fetischen etc. spielen – mehr dazu in Artikel 1 BDSM & Kink – erotische Spiele mit Macht, Schmerz, Bewegungseinschränkung und weitere Praktiken.

Vanilla: Sexuelle Praktiken, die nicht im BDSM-/Kink-Spektrum verortet werden und oft als ‚normal‘ gelten. Wie in anderen herrschafts- bzw. normkritischen Ansätzen, wird auch hier dafür plädiert, sich von der stigmatisierenden Unterscheidung zwischen ‚normaler‘ Norm und gekenn­zeichneter ‚Abweichung‘ zu verabschieden und daher auch die Norm explizit zu benennen. Vanilla ist die derzeit gängigste Bezeichnung, im deutschsprachigen Raum wird zum Teil auch von Blümchen-Sex gesprochen, wobei nicht klar ist, ob der Begriff für alle Spielarten von vanilla Sex der passendste wäre.

Aus der Idee, die Themen einerseits auf BDSM zu beziehen und andererseits für Menschen zu öffnen, die sich nicht vertieft mit BDSM, aber sehr wohl mit ihrer eigenen Sexualität befassen wollen, ist nun diese Folge kleiner Texte entstanden. Ich habe mich beim Schreiben bemüht, sie so zu gestalten, dass sie unabhängig voneinander oder auch als ein längerer, zusammenhängen­der Text gelesen werden können.

Da die Artikelserie für das BOYkott-Magazin zu lange geworden ist, gibt es eine dort veröffent­lich­te Kurzfassung, in der die Artikel 6 (in gekürzter Version), 7 und 8 zu finden sind [1]. Hier ist die Langfassung zu lesen, in der ich zusätzlich in BDSM einführe, mich mit verschiedenen Konsens-Strategien beschäftige und ausführlicher gesellschaftliche Normen rund um Sex und Macht diskutiere etc.

Ich starte mit einer kleinen Einführung dazu, wie ich BDSM und Kink verstehe, und in der ich ein paar Beispiele gebe, worin der Lustgewinn entsprechender Praktiken bestehen kann (1), ergänzt um einen kleinen Artikel dazu, wie Konsens bzw. Einvernehmlichkeit Grundbedingungen der Abgren­zung zwischen BDSM und Gewalt bzw. Machtmissbrauch sind (2). Es folgt ein weiterer Artikel, der sich allgemein mit Prinzipien und Möglichkeiten der Herstellung von Konsens beschäftigt und sich dabei an alle richtet (also nicht nur an BDSMer*innen) und nur in einem Kasten kinkspezi­fisch argumentiert (3). Im nächsten Artikel werfe ich die von linker und feministischer Seite oft diskutierte Frage auf, ob bzw. inwiefern es sich bei BDSM um internalisierte Unterdrückung handelt bzw. verschiebe sie auf die (aus meiner Sicht heute nicht beantwortbare) Fragestellung, wie in einer freieren Gesellschaft überhaupt Sexualität und deren (Nicht-)Verknüpfung mit Macht, starken Körper-Impulsen etc. aussehen könnte (4). Um mich der Fragestellung der Einordnung von Sexualität in Verbindung mit Macht etc. in einer auf Ungleichheit basierenden Gesellschaft annähern, sie aber auch auf vanilla (also nicht-kinky) Lebenswelten erweitern zu können, beschäftige ich mich im Folgenden zunächst mit gesamtgesellschaftlichen Normen rund um Sexualität, Macht und Ungleichheit (5). Diese beziehe ich dann im ersten Schritt in einem etwas längeren Artikel auf BDSM und frage nach möglichen Einordnungen von BDSM-Praktiken aus herrschaftskritischer Perspektive (6). Um nicht eine Logik von Norm und Abweichung zu reproduzieren und um Menschen, die keine BDSM-Praktiken leben, ebenfalls Reflexionsangebote zu machen, stelle ich danach die gleichen Fragen für Nicht-BDSM-Praktiken (also vanilla Praktiken) (7). Für Artikel 6 und 7 ist es daher hilfreich, zuvor Artikel 5 und idealer­weise auch Artikel 4 gelesen zu haben. Ich schließe die Artikelserie mit Reflexionsfragen zu eigenen sexuellen Impulsen (8).

In der Website-Version findet sich oben ein Inhaltsverzeichnis zum Ausklappen, sodass eine Navigation direkt zum gewünschten Artikel möglich ist.

In den folgenden Artikeln geht es um Praktiken, die für viele Menschen sexuell sind. Allerdings beschreiben manche Menschen, die auf BDSM stehen, diese Praktiken auch als etwas Nicht-Sexuelles, u.a. manche asexuellen Menschen. Um komplexe Satzkonstruktionen zu reduzieren, spreche ich zusammenfassend von ‚sexuellen Praktiken‘ und bitte Menschen, für die diese Praktiken nicht sexuell sind, um eine innere Übersetzung des Begriffs. Darüber hinaus mache ich darauf aufmerksam, dass nicht alle Menschen sich im Spektrum zwischen Kink und Vanilla bewegen, sondern es auch Menschen auf dem asexuellen Spektrum gibt, die sich weder zum einen noch zum anderen hingezogen fühlen, und dass dies genauso selbstverständlicher Teil menschlicher Vielfalt in Bezug auf (A)Sexualität ist, auch wenn ich es in dieser Artikelserie nicht weiter bespreche.

1 BDSM & Kink – erotische Spiele mit Macht, Schmerz, Bewegungseinschränkung und weitere Praktiken

Katharina Debus

1.1 Was ist BDSM bzw. Kink?

Die Buchstaben des Begriffs BDSM stehen zunächst für die folgenden Praktiken:

  • Bondage: einvernehmliche Spiele mit Bewegungseinschränkung, u.a. mit Seilen (auch unter den Begriffen bzw. in den Spielarten: Shibari, Kinbaku, Seil-Bondage, japanisch inspirierte Bondage oder Western Bondage) oder Handschellen, Ketten, Klettbandfesseln, (Leder-)Manschetten, Kabelbindern, Gürteln, Gurten etc.
    (Im Original auch: Bondage & Discipline, wobei Discipline für Disziplinierung oder Strafe steht. Das wird aber aktuell zumindest im deutschsprachigen Raum kaum mehr als Begriffspaar verwendet, zumal sich die Bondage-Szene verselbständigt hat und viele Bondage-Praktiker*­innen mit dem Strafbegriff entweder nichts anfangen können oder ihn eher als Teil von D/S oder SM empfinden.)
  • D/S (auch D/s) bzw. Dominance & Submission/Dominance & submission: einvernehmliche Spiele mit einem Machtgefälle
  • SM bzw. Sadismus und Masochismus: einvernehmliche Spiele mit (Lust-)Schmerz

Dieses Akronym (Buchstabenreihung) hat, zumindest in Teilen der Szenen, die älteren Begriffe Sadomasochismus bzw. SM als Überbegriff für alle genannten Praktiken abgelöst.

Zum einen stellt das Akronym BDSM eine Abgrenzung von der Pathologisierungs-Geschichte rund um den Begriff Sadomasochismus dar (bereits die Abkürzung SM verfolgte dieses Ziel). Unter dem Begriff Sadomasochismus beschrieb der Psychiater, Neurologe und Rechtsmediziner Richard von Krafft-Ebing in der Psychopathia sexualis (1. Auflage 1886) Praktiken, die heute u.a. dem BDSM- bzw. Kink-Spektrum (siehe unten) zuzurechnen wären, ebenso wie Transgeschlechtlich­keit, Homosexualität etc. als krankhaft.

Zum anderen soll die Buchstabenreihung sichtbar machen, dass verschiedene Lüste bzw. Vorlie­ben sich bei Menschen unterschiedlich zusammensetzen und Wahlfreiheit besteht, dass also keine*r das Gesamtpaket kaufen muss. De facto ist ein entsprechendes Bewusstsein auch Präven­tion gegen Machtmissbrauch, wenn Menschen andere unter Druck zu setzen versuchen mit der Argumentation, wer a sage, müsse auch b sagen, also dass z.B. eine Person, die Lust hat, geschlagen zu werden, auch unterwürfig sein müsse, oder eine Person, die Lust auf Gefesselt-Werden oder Machtspiele hat, auch Schmerz hinnehmen müsse etc.

Meist sind außerdem weitere Praktiken mitgemeint, wenn von BDSM die Rede ist, z.B.:

  • einvernehmliche Rollenspiele und Spiele mit Assoziationen zwischen Kleidung und bestimm­ten Rollen (u.a. sexuell motiviertes Cross-Dressing, also dass Menschen zum sexuel­len Lustgewinn Kleidung tragen, die im Alltag für ihr Geschlecht als untypisch gilt, aber auch diverse andere Formen von Rollenspielen)
  • Fetischismus, womit in der Szene meist sexuelle Erregbarkeit/Erregung durch bestimmte Materialien (z.B. Lack, Leder, Latex, Nylon, Wolle oder auch Ballons) oder Körperteile (z.B. Füße) gemeint ist. Wenn es dabei um die Körperteile anderer Menschen geht, also z.B. eine Fußmassage als sexuell erregend empfunden wird, ist auch hierfür informierte Einvernehm­lich­keit erforderlich.
  • einvernehmlicher Voyeurismus, also Lustgewinn dadurch, andere nackt, in bestimmter Kleidung, beim Sex etc. zu sehen, und einvernehmlicher Exhibitionismus, also Lustgewinn dadurch, sich anderen entsprechend zu zeigen bzw. wenn diese zuschauen.

Alle genannten Praktiken werden in den letzten Jahren zunehmend auch unter dem Begriff Kink (Adjektiv: kinky, Personen: Kinkster[s]) zusammengefasst. ‚Kinky‘ hat dabei auf englisch eine ähnliche Wortbedeutung wie queer, u.a. kraus, wellig, schrullig, pervers, verdreht, abnorm. Es handelt sich auch hier um einen Aneignungs-Begriff, also einen ursprünglich abwertenden Begriff, der in den Szenen aufgegriffen und positiv umgewertet wurde. Teilweise wird zusätzlich auch der Begriff ‚pervers‘ (verdreht) in ähnlicher Weise angeeignet, also kinky Menschen beschrei­ben sich teils selbst als pervers. Da dieser Begriff gesellschaftlich aber oft auch für nicht-einvernehmliche Handlungen wie sexualisierte Übergriffe und Gewalt etc. verwendet wird, würde ich dazu raten, ihn nicht zur Beschreibung anderer Menschen zu verwenden, es sei denn, wir haben Grund zu der Annahme, dass sie das gut finden.

Kinky Handlungen werden von vielen Menschen als erotisch oder sexuell erlebt. Dies trifft aber nicht für alle zu, manche empfinden Kink auch als etwas Drittes mit eigenen, nicht vorrangig sexuellen Qualitäten, und viele empfinden nicht jede kinky Handlung als sexuell. Auch Menschen, die sich als asexuell verstehen, können auf BDSM stehen, ohne dies als Widerspruch zu ihrer Asexualität zu verstehen.

Praktiken, die nicht kinky sind, werden zum Teil als vanilla beschrieben, teilweise auch als Blümchen-Sex oder, wertender, 08/15 oder stino (stinknormal). Heute wird aber in der Szene meist von Vanilla gesprochen. Das geht wohl darauf zurück, dass zumindest in den USA Vanille-Eis die liebste Speiseeis-Sorte ist oder zumindest mal war. Es soll damit der Geschmack der Mehr­heit beschrieben werden (wobei das mit der Mehrheit möglicherweise auch fragwürdig ist) oder das, was als ‚normal‘ gilt. Der Begriff erlaubt es, nicht wertend zwischen Kink/BDSM und ‚normal‘ unterscheiden zu müssen, sondern Kink/BDSM gleichwertig neben Vanilla stellen zu können und auch ein Spektrum zwischen beiden zu beschreiben (vielleicht auch eher viele Spektren zwischen den einzelnen BDSM-Praktiken und Vanilla).

1.2 Was kann an BDSM lustvoll sein?

An anderer Stelle habe ich etwas ausführlicher darüber geschrieben, was an BDSM lustvoll sein kann. Hier will ich nur einige Aspekte nennen, mit denen oft Menschen etwas anfangen können, die keinen starken BDSM-Bezug haben. Aus meiner Sicht kann BDSM Formen des Erlebens und der Begegnung ermöglichen, die an den gleichen oder ähnlichen Erlebens-Qualitäten anknüpfen wie den im Folgenden genannten:

  • Experimentier- und Abenteuerfreude, Lust an Intensität und großen Gefühlen bzw. starken körperlichen Reaktionen (u.a. starke Hormon-Ausschüttungen in bestimmten Sportarten, Freizeit-Aktivitäten etc.)
  • Flow, Trance
  • Kreativität, Selbstwirksamkeit, Verantwortung, Anvertrauen, Hingabe, sich bespaßen lassen, Kontrolle übernehmen, Kontrolle abgeben, Macht
  • Spiele mit Normen, Regeln und Tabus
  • Vertrauen, Verbundenheit, Nähe, mit im Alltag oft unterdrückten bzw. unsichtbaren Persönlichkeitsanteilen gesehen und begehrt werden, sich jenseits der Alltags-Ichs emotional berühren können
  • ein spielerischer, akzeptierender Raum für Persönlichkeits-Anteile, die nicht Teil des Alltags-Ichs oder professionellen Ichs sind bzw. nicht sein sollen, dürfen oder können
  • Spaß, Frotzeln/sich aufziehen, Rangeln, Kitzeln, Ausgelassenheit, Übermut, Kräftemessen
  • Verhandelbarkeit, Grenzachtung, Vielfalt und hohe Akzeptanz von Unterschiedlichkeit
  • hohe Wertschätzung von Lust, viel Freiheit im Umgang mit Impulsen, Umfelder, die mit großer Neugier und Experimentierfreude an Sexualität und Begehren herangehen und sich gegenseitig inspirieren

Lese-Empfehlungen zur Vertiefung einiger der hier formulierten Aspekte zu BDSM/Kink
  • Etwas ausführlicher habe ich einige dieser Punkte ausformuliert auf S. 100-101 in Debus, Katharina (2021): BDSM und Sexualpädagogik. In: Laimbauer, Viktoria/Scheibelhofer, Paul (Hrsg.): Sexualität und Pädagogik. Teil 1: Konzepte und Debatten. Innsbruck: StudienVerlag. S.98–109. https://schulheft.at/hefte/hefte-161-186/heft-182.
  • Noch mehr Aspekte habe ich gesammelt auf S. 46-47 in Debus, Katharina/Laumann, Vivien (2018): LSB-was? Geschlechtliche, amouröse und sexuelle Vielfalt – Einführung und Spannungsfelder. In: Debus, Katharina/Laumann, Vivien (Hrsg.): Pädagogik geschlechtlicher, amouröser und sexueller Vielfalt. Zwischen Sensibilisierung und Empowerment. Berlin: Dissens – Institut für Bildung und Forschung. S.12-70. https://interventionen.dissens.de/materialien/handreichung.
Weitere Lese-Empfehlungen zu BDSM/Kink
  • Bauer, Robin (2019): BDSM Relationships. In: Simula, Brandy L./Sumerau, J.E./Miller, Andrea (Hrsg.): Expanding the Rainbow. Exploring the Relationships of Bi+, Polyamorous, Kinky, Ace, Intersex, and Trans People. Leiden/Boston: Brill Sense. S.135-147.
  • Bauer, Robin (2020): Interdisziplinäre Perspektiven auf BDSM aus queer-theoretischer Sicht. In: Timmermanns, Stefan/Böhm, Maika (Hrsg.): Sexuelle und geschlechtliche Vielfalt. Interdisziplinäre Perspektiven aus Wissenschaft und Praxis. Weinheim/Basel: Beltz Juventa. S.179-193.
  • Bauer, Robin (2020): BDSM. In: Davy, Zowie/Santos, Ana Cristina/Bertone, Chiara/Thoreson, Ryan/Wieringa, Saskia (Hrsg.): The Sage Handbook of Global Sexualities. Thousand Oaks: Sage. S.337-362.
  • Bauer, Robin (2022): Individuelle und kollektive Grenzerfahrungen – Dimensionen von BDSM als Spielwiese sexueller Bildungsmöglichkeiten. In: Böhm, Maika/Herrath, Frank/Kopitzke, Elisa/Sielert, Uwe (Hrsg.): Handbuch Sexuelle Bildung im Erwachsenenalter. Selbstbestimmt „sexuell werden“ – Sexualität und Erwachsenenbildung. Weinheim/Basel: Beltz Juventa. S.354–367.
  • Woltersdorff, Volker (2007): “I Want To Be A Macho Man”: Schwule Diskurse um die Aneignung von Männlichkeit in der Fetisch- und SM-Szene. In: Bauer, Robin/Hoenes, Josch/Woltersdorff, Volker (Hrsg.): Unbeschreiblich männlich. Hamburg: MännerschwarmSkript-Verl. S.107–120.
  • Woltersdorff, Volker (2014): “Let’s Play Master and Servant”: Spielformen des paradoxen Selbst in sadomasochistischen Subkulturen. In: Strätling, Regine (Hrsg.): Spielformen des Selbst. Bielefeld: Transcript. S.289–301.
  • Woltersdorff, Volker (2016): Zur Dialektik von Lust und Tabu in Zeiten prekärer Geschlechterverhältnisse. In: Borkenhagen, Ada/Brähler, Elmar (Hrsg.): Wer liebt, der straft? Gießen: Psychosozial. S.113-128.
  • Woltersdorff, Volker (2018 [2008]): Doppelt pervers? Über schwule, lesbische und trans-queere SM-Sozialität. In: Hill, Andreas/Briken, Peer/Berner, Wolfgang (Hrsg.): Lust-voller Schmerz. Sadomasochistische Perspektiven. Gießen: Psychosozial. S.113-126.
Kinky Online-Netzwerke
  • Informationen, Vernetzung und Aufklärungsarbeit zu BDSM von und für Jugendliche und junge Erwachsene bis 27 Jahre: https://smjg.org/.
  • Internationales soziales Netzwerk von kinky Menschen (mit allen Vor- und Nachteilen wenig moderierter sozialer Netzwerke, nur nach Registrierung zugänglich): https://fetlife.com/.

2 Konsens bzw. Einvernehmlichkeit als Grundvoraussetzung von BDSM/Kink

Katharina Debus

Für Quereinsteiger*innen in diese Artikelserie: Wer keine Grundkenntnisse über BDSM/Kink hat, sollte zunächst Artikel 1 BDSM & Kink – erotische Spiele mit Macht, Schmerz, Bewegungseinschränkung und weitere Praktiken lesen.

Wie vielleicht oben schon deutlich wurde: In BDSM-Szenen wird das Konsens- oder Einvernehm­lich­keits­prinzip sehr wichtig genommen. Damit ist gemeint, dass all diese Handlungen nur als BDSM bzw. Kink zählen, wenn alle Beteiligten diese auch wollen. In nicht wenigen BDSM-Szenen wird die Wertschätzung von Konsens bzw. Einvernehmlichkeit auch über explizit erotisch-sexuelle bzw. macht- oder schmerzvolle Handlungen hinaus auf Alltags-Interaktionen wie Umarmungen, persönliche Fragen etc. bezogen.

Dass BDSM-Szenen sich schon früh und in teils sehr anspruchsvollen Debatten mit Konsens, verschiedenen Konsens-Praktiken und möglichen Fallstricken dabei beschäftigt haben, hat u.a. mit der Notwendigkeit zu tun, BDSM von Gewalt, Machtmissbrauch, Freiheitsentzug etc. abzu­gren­zen. In vielen vanilla (also Nicht-BDSM-)Zusammenhängen werden oft bis heute Sichtweisen normalisiert, dass eine Praktik (z.B. ein Kuss) eine Einladung zu einer nächsten Praktik (z.B. Berüh­rung an Brust oder Genitalien) sei, und es operieren immer noch viele Menschen mit der Annahme, dass es eine ‚normale‘ Form der Eskalation zwischen verschiedenen erotischen und sexuellen Praktiken gäbe und es irgendwie ohne Worte gut möglich sei, zu wissen, was ansteht. Auch die Strafbarkeit für Übergriffe jenseits des BDSM-Kontextes war lange sehr begrenzt und wird erst langsam nachgebessert mit einer weiterhin niedrigen Quote von Verurteilungen. Hingegen mussten sich BDSMer*innen schon früher mit vielen komplexen Fragen rund um Konsens beschäftigen. Unter anderem, weil Risiken der Strafverfolgung viel höher waren und sind und weil ethische und politische Legitimitätsfragen früher offensichtlich auf der Hand lagen.

In BDSM-Szenen, an denen Frauen beteiligt waren bzw. sind (also in geschlechtergemischten Szenen und in lesbisch-bi-/pansexuellen Frauen- bzw. heute in FLINTA*-Szenen), gab bzw. gibt es zudem einen besonderen Rechtfertigungsdruck rund um feministische Kritik und das Sicherheits­be­dürf­nis vieler Frauen mit Übergriffs-Geschichten (hierzu lohnt es sich u.a., die Einleitungen alter Bücher von Pat Califia mit Bezug auf lesbische Szenen zu lesen). Gerade in heterosexuellen Szenen gab es außerdem in der Vergangenheit immer wieder Frauen-Mangel (heute variiert das je nach Szene), sodass es dort einen besonderen Anreiz gab, die Szene möglichst sicher für Frauen zu machen. Dadurch hatten Frauen teilweise im Verhältnis eine bessere Verhandlungs­position als in vielen vanilla Lebenswelten.

Das heißt im Übrigen nicht, dass BDSM-Szenen frei von Grenzüberschreitungen, (nicht-konsensu­el­ler) Gewalt etc. wären. Nur weil Einvernehmlichkeit ein Prinzip in den Szenen ist, heißt das nicht, dass sich alle daran halten, dass alle guten Willens sind und dass alle Gutgewillten auch in der Lage sind, ihre guten Absichten in grenzachtende Handlungen umzusetzen.

Aber es gibt in sehr vielen BDSM- bzw. kinky Szenen eine rege Debatte und viel Aufklärungsarbeit zum Thema Konsens. Unter anderem wird dies unter Begriffen wie SSC (safe, sane and consen­sual) oder RACK (risk aware consensual kink) diskutiert. SSC ist der ältere Begriff und war immer relativ und aushandelbar gemeint (offenbar war die ursprüngliche Formulierung „safe/sane/ consensual enough for us“). Aus meiner Sicht hat der etwas neuere Begriff RACK den Vorteil, nicht so missverstehbar zu sein, als könne es absolute Sicherheit geben, sondern begrifflich bewusst zu machen, dass es Risiken gibt, mit denen bewusst umgegangen werden muss. Und er ist inklusiver gegenüber psychischen Erkrankungen (‚sane‘ lässt sich mit ‚bei gesundem Menschenver­stand‘ übersetzen, bedeutet aber auch psychische/geistige Gesundheit).

Jugendliche und junge Erwachsene bis 27 Jahre finden übrigens unter anderem Beratung, Unterstützung, Kennenlern-Angebote und Coming-Out-Begleitung bei der SMJG (https://smjg.org/).

Herrschaftskritische Texte zu Konsens im BDSM-Kontext
  • Bauer, Robin (2016): Vom liberalen zum kritischen Konsens. Ein empirischer Blick auf Praxen der Aushandlung von Konsens in queeren BDSM-Kontexten. In: Borkenhagen, Ada/Brähler, Elmar (Hrsg.): Wer liebt, der straft? Gießen: Psychosozial. S.129–142.
  • Bauer, Robin (2020): Queering consent: Negotiating critical consent in les-bi-transqueer BDSM contexts.  Sexualitites 11/2020 (online first).

3 Konsens für alle: Prinzipien und Praktiken – nicht nur für BDSMer*innen

Katharina Debus

3.1 Statisches versus dynamisches Gewaltverständnis

Wie gesagt, wurden in BDSM-Szenen relativ früh breite Debatten um Möglichkeiten zur Herstel­lung und Aufrechterhaltung von Konsens sowie um Herausforderungen und Umgangsweisen damit geführt und Peer-Bildungsarbeit dazu aufgebaut. Unter anderem hat sich in diesem Kontext ein Verständnis von Gewalt entwickelt, das (mit meinen Worten) nicht statisch (z.B. über Auflistungen gewalttätiger Handlungen) funktioniert, sondern Gewalt in Abhängigkeit von Konsens und dem (auch bei einem Begehren nach Schmerz zumindest langfristigen) Wohlerge­hen der Beteiligten definiert (ich nenne das ein ‚dynamisches Gewaltverständnis‘ in Abgrenzung von einem ‚statischen Gewaltverständnis‘).

Dass ein solches dynamisches Gewaltverständnis auch jenseits von BDSM-bezogenen Fragen sinnvoll ist, wird z.B. daran deutlich, dass manche Menschen in manchen Situationen und Konstellationen gerne gekitzelt werden, raufen, Streiche gespielt bekommen oder sich aufziehen lassen, während dieselben Handlungen in anderen Situationen/Konstellationen – und für andere Menschen auch grundsätzlich immer – ziemlich übergriffig sein können. Eine statische Auflistung von gewalttätigen Handlungen, wie sie manchmal in Gewaltpräventionskontexten vorkommt, riskiert, entweder relevante Handlungen nicht aufzunehmen oder das Kind mit dem Bade auszu­schüt­ten und Menschen zu verlieren, die Freude an den entsprechenden Praktiken haben, oder sie zumindest zu verwirren und damit ihre Handlungsfähigkeit gerade nicht zu stärken.

3.2 Prinzipien von Konsens bzw. sexueller Einvernehmlichkeit

Auch jenseits von BDSM-Kontexten wurde in den vergangenen Jahren zunehmend Konsens bzw. sexuelle Einvernehmlichkeit thematisiert. Grenzen und Grenzüberschreitungen waren bereits früh ein Thema in feministischen Bewegungen sowie in feministisch inspirierten pädagogischen Kontexten. Aus meiner Sicht hat sich der Fokus aber in den letzten Jahren verschoben und neben der Beschäftigung mit Grenzüberschreitungen gibt es vermehrt Impulse, Materialien etc. dazu, wie es im positiven Sinne möglich ist, grenzachtend zu flirten, Sex zu haben etc. Im deutschspra­chi­gen Kontext haben in meiner Wahrnehmung die Slut Walks in den frühen 2010er Jahren und der Video-Clip „Consent – it’s simple as tea“ bzw. „Beiderseitiges Einverständnis – so einfach wie Tee“ zu einer Verbreitung der Debatte und vielen neuen Impulsen beigetragen.

Meines Erachtens können Menschen aller (a)sexuellen Präferenzen, Orientierungen und auch Altersstufen (mit Kindern wird dann eher zu Berührung, Spielverhalten etc. gearbeitet als zu Erwachsenen-Sexualität) an diesen Entwicklungen und Auseinandersetzungen gewinnen. Daher mache ich in diesem Kapitel Entwicklungen aus und jenseits von Kink-Szenen für alle zugänglich (hier mit einem Fokus auf Erwachsenen-Sexualität, also ohne Transfer auf kindliche Lebens­welten).

Es verbreitet sich begrüßenswerterweise in den letzten Jahren eine Haltung, dass eine erotische bzw. sexuelle Handlung dann als konsensuell bzw. einvernehmlich gilt, wenn das FRIES-Prinzip zutrifft (meines Wissens entwickelt von Planned Parenthood, https://www.plannedparenthood.org/learn/relationships/sexual-consent):

Freely Given/Frei Gegeben: die Einwilligung kommt ohne Druck, Macht oder Ausspielen von Abhängigkeiten zustande.

Reversible/Reversibel: die Einwilligung ist jederzeit widerrufbar.

Informed/Informiert: die einwilligende Person verfügt über Wissen zur Einschätzung dessen, wozu sie ihre Zustimmung gibt, u.a. zu psychischen und gesundheitlichen Risiken etc.

Enthusiastic/Enthusiastisch: ein „na gut!“ oder die Abwesenheit eines Neins genügt nicht, eine Handlung ist nur dann konsensuell, wenn alle Beteiligten sich aktiv dafür entschieden haben.

Specific/Spezifisch: Die Zustimmung gilt jeweils für spezifische Handlungen und aus der Zustimmung zu z.B. einem Kuss oder einem Kaffee in der Wohnung der anderen Person folgt noch lange nicht die Zustimmung zu genitaler Berührung, Sex etc.

Kinkspezifischer Exkurs zum FRIES-Prinzip

In Kink-Szenen gibt es viel Aufklärungsarbeit, damit Menschen tatsächlich informiert einwilligen können.

Daneben werden die Prinzipien von Reversibilität, Enthusiasmus und Spezifizität auch zum Teil kontrovers diskutiert. U.a. wenn es um Spielarten geht, in denen einvernehmlich mit Unwillen, Widerstand und dessen Überwindung gespielt wird. Oder es wird angemerkt, dass manchmal vielleicht auch Neugier und Experimentierfreude ausreichen, ohne bereits enthusiastisch (begeistert) gegenüber einer Praxis sein zu müssen (als Alternative wird hier der Begriff ‚affirmative consent‘/‚affirmativer Konsens‘ vorgeschlagen). Diese Debatten würden hier den Rahmen sprengen.

Wichtiger als die Details der Begriffe finde ich ihre Essenz: Eine Handlung, die ansonsten eine sexuelle Grenzüberschreitung, eine psychische Verletzung, Machtmissbrauch, Freiheitsberaubung oder Gewalt wäre, ist nur dann konsensuell, wenn die einwilligenden Personen informiert, ohne Druck, aus Eigeninteresse (ggf. auch auf der Meta-Ebene z.B. aus Lust an einem Machtgefälle) zugestimmt haben. Wenn über bestimmte Zeiträume die Macht, die Zustimmung zurückzunehmen, eingeschränkt werden soll (in bestimmten Spielarten von consensual non-consent/CNC, teilweise auch als Tunnelspiele bezeichnet), weil alle Beteiligten Lust auf Spiele mit Kontrolle, Überwältigung, Unwillen, Widerstand etc. haben, dann bedarf dies einer umso informierteren Risikoabwägung und entsprechender Gespräche zum Umgang damit.

3.3 Konsens-Praktiken bzw. -Strategien

Darüber hinaus werden in Kink-Szenen ganz unterschiedliche Konsens-Praktiken bzw. -Strategien diskutiert und praktiziert, die aus meiner Sicht auch für nicht-kinky Situationen rund um Flirt, Annäherung, Erotik und Sexualität inspirierend sein können, u.a.:

  • Inclusive Consent/Opt-In-Consent (übersetzt in etwa: einschließender Konsens, Reinwähl-Konsens): Es darf nichts geschehen, was nicht vor der Interaktion als mögliche Praxis vereinbart wurde. Entweder muss damit der Verlauf vorher relativ offensichtlich abgesprochen sein oder es muss möglichst viel als Option in den Raum gestellt werden, um dann verschiedene Spielräume und Handlungsoptionen für Spontanes zu haben.
  • Exclusive Consent/Opt-Out-Consent (übersetzt in etwa: ausschließender Konsens/Rauswähl-Konsens): Es werden vorher bestimmte Praktiken ausgeschlossen. Anderes darf zumindest angetestet werden. Wenn nichts anderes abgesprochen wurde, sollte hierbei insbesondere bei möglicherweise intensiveren oder heikleren neuen Dingen langsam vorgegangen werden, damit eine Grenzsetzung noch möglich ist. Und alle sollten mit guten Absichten handeln und sich bewusst sein, dass die andere Person vielleicht auf manche Möglichkeiten, die sie vehement ausschließen würde, im Gespräch gar nicht gekommen ist. Wenn sehr wenig oder nichts ausgeschlossen wurde, sprechen manche auch von Blanket Consent bzw. Blanko-Konsens oder Carte Blanche.
  • Ongoing Consent/In-Scene-Negotiation (übersetzt in etwa: fortlaufender Konsens/Verhandeln während der Session):
    Als Grundprinzip: Es wird durchgängig über Grenzen kommuniziert. Dies gilt als grundsätzliches Prinzip für alle Konsensstile im Bewusstsein darum, dass sich Dinge unterwegs ändern können, und alle Beteiligten aufmerksam mit dieser Möglichkeit umgehen sollten.
    Als eigener Konsensstil: Die Hauptkommunikation über Grenzen und Wünsche findet unterwegs statt, es können also auch z.B. während einer Session Dinge gestartet werden, die vorher nicht besprochen wurden.
    Umgekehrt ist es riskanter: Dinge, die vorher ausgeschlossen wurden, sollten unterwegs nur dann wieder auf den Tisch gebracht werden, wenn das vorher als Möglichkeit explizit vereinbart wurde. Andernfalls kann das dazu führen, dass die andere Person sich unter Druck fühlt und ggf. aus Druck oder auch einem hormonellen High heraus zu etwas ja sagt, das ihr eigentlich nicht guttut und danach schlechte Gefühle hinterlässt.

Diese Stile sind meist nicht in Abgrenzung voneinander gemeint, sondern als Grundlage, um herauszufinden, was persönlich der beste Mix ist.

Relevant kann dafür unter anderem sein, herauszufinden und zu kommunizieren, zu welchem Zeitpunkt wir am besten herausfinden können, was wir wollen und was uns guttut, sowie welche Form der Kommunikation zu diesen Themen uns zu welchem Zeitpunkt wie leicht oder schwer­fällt. Manchen fällt es am leichtesten, wenn sie alleine sind und sich auf sich selbst konzentrieren können, z.B. schriftlich oder per Sprachnachricht. Anderen fällt es am leichtesten (oder: am wenigs­ten schwer), im Gespräch (ohne erotische/sexuelle Interaktionen) zu kommunizieren. Wieder andere können am besten im Moment erspüren, was sie wollen und ihnen guttut. Und bei vielen gibt es eine Mischung, auch z.B. abhängig von Vertrautheit, Thema, Tagesform etc. Entsprechend kann es für manche Menschen besser sein, einen Konsensstil zu wählen, der möglichst viel vorher abklärt, während es für andere besser ist, möglichst viel unterwegs zu kommunizieren, und für viele Menschen je unterschiedliche Mischmodelle am besten funktionieren.

Es gilt also – für alle Menschen, nicht nur für Leute mit Lust auf Kink – herauszufinden, wo unsere Stärken und Schwächen in der Kommunikation über (nicht nur) erotische bzw. sexuelle Wünsche, Lüste, Unsicherheiten, Unklarheiten und Grenzen liegen. Das geht oft nur über Ausprobieren und Erfahrungen auswerten. Es ist sehr hilfreich, mit möglichen (Sex-/ Spiel-/Kuschel-/…)Partner*innen über das eigene Wissen oder auch Unwissen zu sprechen bzgl. dessen, was uns in der Kommunikation leichtfällt oder herausfordert. Auf dieser Grundlage ist es dann möglich, gemeinsam zu schauen, wie die Sache mit dem Konsens gemeinsam am besten verfolgt werden kann.

Neben den oben genannten Fragen kann es dabei auch um Gesprächs-Modi gehen: Für manche ist es leichter, wenn die Kommunikation über Wünsche und Grenzen in einem gemeinsamen Gesprächsfluss/Austausch stattfindet, für andere ist es wichtig, dass klar ist, dass eine Person spricht und die andere zuhört und ggf. Fragen stellt und dann umgekehrt. Manche finden es besonders schön, zumindest Teile ihrer Vorlieben und auch Grenzen in bereits erotisierten Gesprächen oder Nachrichtenwechseln zum Beispiel über vergangene Erfahrungen, Fantasien oder durch das Schreiben von Geschichten etc. zu kommunizieren.

Auch für Kommunikation während einer erotischen bzw. sexuellen Interaktion gibt es unterschiedliche Optionen, die unterschiedlichen Menschen leichter oder schwerer fallen: Manchen Menschen fällt es viel leichter, während des erotischen Kontakts über Körpersprache, Laute (Seufzen, Stöhnen, Schnurren etc.) usw. zu kommunizieren als über Worte. Bei manchen ist es ein gutes Zeichen, wenn sie während einer erotischen Interaktion ganz still werden, bei anderen ist das ein ganz schlechtes Zeichen und bei wieder anderen kann es beides sein. Vielen Menschen fällt es leichter, eine Grenze zu setzen oder einen Wunsch zu kommunizieren, wenn sie gefragt werden. Da kann es Vereinbarungen geben, einfach immer zwischendurch mal nachzufragen, oder insbesondere dann nachzufragen, wenn etwas Bestimmtes eintritt, was ggf. ein Zeichen sein könnte, dass etwas nicht in Ordnung ist, z.B. wenn die Person länger still war oder wenn sie hochdreht, Sprüche reißt oder provoziert. Oder es gibt eine Vereinbarung, z.B. gelegentlich mal die Hand der anderen Person zu nehmen und (um nur ein Beispiel zu geben), wenn sie einmal kurz drückt, ist alles super, wenn sie länger fest drückt, sollte nochmal mündlich eingecheckt werden (oder: langsamer gemacht werden), wenn sie gar nicht drückt, sollte sofort abgebrochen werden. (Solche Vereinbarungen sollten immer daraufhin geprüft werden, ob sie funktionieren. Wenn eine Person z.B. bei Krisengefühlen sich automatisch festhält, dann sollte eher festhalten als eine schlaffe Hand das Zeichen für Aufhören sein.)

Kein Mensch weiß das alles im Vorhinein und oft ändert es sich in wachsenden Beziehungen und im Leben immer wieder, manchmal auch abhängig von der Tagesform. Aus meiner Sicht ist Einvernehmlichkeit bzw. sexueller Konsens eine dauerhafte Praxis und es ist hilfreicher, mit Neugier, Experimentierfreude und Achtsamkeit heranzugehen und sich und andere mit der Zeit besser kennenzulernen, anstatt auf statische Konzepte zu setzen und diesen dann allzu sehr zu vertrauen.

Texte, Videoclip und Podcast zu Konsens bzw. sexueller Einvernehmlichkeit

4 Sexualität in herrschaftsförmigen oder freieren Gesellschaften: (In‑)Fragestellungen und Wissen um das eigene Nicht-Wissen

Katharina Debus

OK, also wenn da so viel Wert auf Konsens gelegt wird, dann ist ja alles gut und wir brauchen nicht weiter politisch über BDSM nachzudenken. Moment. Wie war das gleich mit internalisierter Unterdrückung? Oder, komplizierter ausgedrückt, Subjektivierung oder Subjektivation? Also dass wir unsere Persönlichkeit, unsere Wünsche, unsere Geschmäcker und, ja, auch unsere Begehren sowie ebenfalls unsere Grenzwahrnehmung und Kommunikationsformen zumindest unter gesell­schaft­li­chem Einfluss entwickeln. Was unter anderem dazu führt, dass in vielen Sozialisatio­nen vermittelt wird, gesellschaftliche Ungleichverhältnisse, die Ungleichverteilung von Macht und nicht zuletzt auch Gewalt (in einem gewissen Maße, je nach Lebenswelt und Konstellation) zu normalisieren und auch zu erotisieren, u.a. entlang von Sexismus und Heteronormativität, aber auch z.B. im Rassismus oder Klassismus.

Literatur zum Einfluss von Gesellschaft auf die Herausbildung von Persönlichkeit, Geschmack, Begehren etc.
  • Bourdieu, Pierre (1982): Die feinen Unterschiede: Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Frankfurt/M.: Suhrkamp.
  • Bourdieu, Pierre (2005): Die männliche Herrschaft. Frankfurt/M.: Suhrkamp.
  • Butler, Judith (2001): Psyche der Macht: Das Subjekt der Unterwerfung. Frankfurt/M.: Suhrkamp.
  • Hagemann-White, Carol (2006): Sozialisation – Zur Wiedergewinnung des Sozialen im Gestrüpp individualisierter Geschlechterbeziehungen. In: Bilden, Helga/Dausien, Bettina (Hrsg.): Sozialisation und Geschlecht. Opladen: Verlag Barbara Budrich. S.71–88.
  • Maihofer, Andrea (1995): Geschlecht als Existenzweise: Macht, Moral, Recht und Geschlechterdifferenz. Frankfurt/M.: Helmer.
  • Villa, Paula-Irene (2003): Judith Butler. Frankfurt/M.: Campus.
Zusammenfassend bzgl. einiger der genannten Bücher/Artikel
  • Dissens e.V./Debus, Katharina/Könnecke, Bernard/Schwerma, Klaus/Stuve, Olaf (Hrsg.): Geschlechterreflektierte Arbeit mit Jungen an der Schule. Berlin: Dissens e.V. https://jus.dissens.de/material/abschlusspublikation:
    • Stuve, Olaf/Debus, Katharina (2012): Geschlechtertheoretische Anregungen für eine geschlechterreflektierte Pädagogik mit Jungen. S.27–42.
    • Stuve, Olaf/Debus, Katharina (2012): Männlichkeitsanforderungen. Impulse kritischer Männlichkeitstheorie für eine geschlechterreflektierende Pädagogik mit Jungen. S.43–60.
    • Debus, Katharina (2012): Und die Mädchen? Modernisierungen von Weiblichkeitsanforderungen. S.103–124.

Was heißt das für die Einordnung von (der Lust auf) BDSM? Handelt es sich dabei, wie manche Feministinnen behaupten, die für sich das Label radikal beanspruchen, dann doch notwendiger­wei­se um internalisierte Unterdrückung und wir sollten aus herrschaftskritischer Perspektive entsprechende Lüste in uns bekämpfen? (Ich finde übrigens weiterhin, dass das Label des radikalen Feminismus nicht trans*-, Sexarbeits- und BDSM-feindlichen Fraktionen überlassen werden sollte, aber das ist eine andere Debatte.)

Ich schlage vor, die Frage zunächst breiter zu stellen: Gibt es überhaupt Begehren und Sex, die frei von unseren gesellschaftlichen Verhältnissen sind? Ich behaupte mit Michel Foucault: In einer herrschaftsförmigen Gesellschaft gibt es kein jenseits der Macht und es gibt keine nicht von dieser Gesellschaftsform beeinflusste Sexualität. Woher wollen wir also heute wissen, wie Begehren und Sex in einer Gesellschaft ohne Herrschafts- und Gewaltverhältnisse aussähe?

(Ich nerde kurz: Ich unterscheide mit Foucault zwischen Macht und Herrschaft und verstehe Herrschaft als geronnene Macht. Macht an sich verstehe ich als Gestaltungs- und Handlungsfä­hig­keit. Macht ist in diesem Sinne nichts automatisch Unrechtes, solange sie frei fluktuieren kann und auf Augenhöhe verhandelbar ist. Sie wird dann zum Problem, wenn sie gerinnt, wenn Macht­un­gleich­hei­ten explizit oder implizit festgeschrieben werden und nicht mehr von den einzelnen und denen, die eine Lebenswelt miteinander teilen, gemeinsam gestaltbar sind.)

Woher wissen wir, ob Spiele mit Macht, mit intensiven Körper-Empfindungen wie unter anderem Schmerz, mit Gestaltungsmacht und Bewegungsunfähigkeit, mit Körperkraft und verschiedenen psychischen Modi, mit Selbstwirksamkeit, Verantwortungsübernahme und Hingabe, etc. gerade in einer solchen Gesellschaft, in der sie nicht mit Unrecht assoziiert wären, nicht ein unbefange­ner Genuss sein könnten? Wir wissen nicht, wie ein Leben und wie unsere Erotik und Sexualität in einer völlig anderen Gesellschaft aussähen.

Zu behaupten, nur ein Teil unserer derzeitigen einvernehmlichen sexuellen Praktiken sei Produkt dieser Gesellschaft und ein anderer Teil sei Ausdruck von Freiheit und Befreitheit, halte ich für naive Anmaßung. Anmaßung sowohl bzgl. der Überschätzung des eigenen Wissens als auch bzgl. damit teilweise einhergehender Anwandlungen, paternalistisch in die Leben anderer Menschen einzugreifen, ohne dass dies zum Schutze nicht-einwilligender Dritter nötig wäre. Das ist eine Haltung, die sich aus meiner Sicht zutiefst widerspricht mit emanzipatorischen Befreiungsprojek­ten, die dialogisch vorgehen und als Grundprinzip mit, anstatt über, (vermeintlich) zu schützen­den bzw. zu empowernden Menschen sprechen und sich für eine Stärkung von Selbstbestim­mung und Solidarität auf Augenhöhe einsetzen.

5 Gesellschaftliche Normen rund um Sexualität, (A)Symmetrie und Macht – nicht nur interessant rund um BDSM

Katharina Debus

Nun leben wir nicht in einer fiktiven befreiten Gesellschaft, sondern in einer, die historisch und heute massiv von Ungleichheitsverhältnissen und Diskriminierung geprägt ist. Um uns mit der Frage auseinanderzusetzen, ob eine bestimmte Form, Sexualität zu leben, gesellschaftliche Normen reproduziert oder im Widerspruch zu ihnen steht, ist es daher sinnvoll, zunächst zu schauen, welche Normen dazu überhaupt im Raum stehen.

Kurz noch eine Begriffsklärung: Wenn ich im Folgenden von Ungleichheit[sverhältnissen] spreche, dann meine ich damit nicht individuelle Verschiedenheit, sondern gesellschaftlich produzierte Ungleichheit, die verschiedenen Menschengruppen ungleiche Zugänge zu Entwicklungs­möglichkeiten, Macht, Ressourcen, Gestaltungsfähigkeit, Selbstbestimmung etc. gewährt bzw. entzieht.

In komplexen Gesellschaften und Kulturen, wie allen mir näher bekannten, stehen sich oft auch widersprüchliche Normen gegenüber, die Ergebnisse gesellschaftlicher Auseinandersetzungen um Hegemonie (verkürzt: die von Macht- bzw. Herrschafts-Interessen motivierte Durchsetzung einer bestimmten Weltsicht als selbstverständlich), um Rechte, Privilegien, Ressourcen-Zugänge etc. sind. Dabei heißt ‚gegenüberstehen‘ nicht, dass sie sich immer gegenseitig ausschließen, sondern durchaus auch, dass verschiedene Menschen sie gleichzeitig verinnerlicht haben und sie entweder z.B. in verschiedenen Situationen unterschiedlich anwenden und/oder eine Spannung dazwischen empfinden und/oder sie so integriert haben, dass sie sie gar nicht als widersprüchlich empfinden.

Im Folgenden schaue ich ein paar Normen an, die aus meiner Sicht in dieser Gesellschaft in Bezug auf das Verhältnis von Sexualität, (A)Symmetrie und Macht gleichzeitig existieren, aber von unterschiedlichen Kreisen unterschiedlich stark diskutiert werden. Selbstverständlich kann dies in so einem kurzen Artikel nur eine erste Annäherung darstellen, ich arbeite dabei thesenhaft und bitte die Leser*innen, diese Thesen kritisch zu prüfen und zu ergänzen. Die folgende Grafik gibt einen Überblick über die im Weiteren diskutierten Normen.

Sexualität ist – wie alle anderen Lebensbereiche – in unserer Gesellschaft von Macht und Ungleichheitsverhältnissen durchdrungen. Wir haben es meines Erachtens aktuell mit drei größeren Norm-Clustern zu tun, die teilweise in Spannung zueinander stehen und sich teilweise gegenseitig ergänzen bzw. verstärken:

In der Mitte der Grafik ist als Überschrift ein türkises Oval mit dem Text: gesellschaftliche und milieuspezifische Normen rund um Sexualität, (A)Symmetrie und Macht. Darum herum sind 3 Kästen mit drei verbindenden Pfeilen angeordnet. Oben ist ein grüner Kasten mit dem Text: Normalisierung & Erotisierung von Macht & Ungleichheit, u.a. Dominanzgesellschaft, Patriarchat, Sexismus, Heteronormativität sowie Strukturierung von Erotik über eine Grammatik von Machtungleichheit. Rechts unten ist ein lila Kasten mit dem Text: Gleichheit, Symmetrie & Synchronität als Ideale in der Erotik. Von diesem zeigt ein durchgestrichener türkiser Pfeil zum davor genannten Kasten zu Normalisierung & Erotisierung von Macht & Ungleichheit. Im durchgestrichenen Pfeil steht: in Abgrenzung. Links unten ist ein blauer Kasten mit dem Text: in allen Lebensbereichen Mäßigung, Kontrolliertheit & Souveränität beweisen sowie Einhegung von Sexualität. Dieser Kasten ist mit den beiden anderen Kästen durch türkise Pfeile verbunden, die in beide Richtungen zeigen und in denen steht: mögliche Verbindung.
Grafik: gesellschaftliche und milieuspezifische Normen rund um Sexualität, (A)Symmetrie und Macht

Grafik & Konzept: Katharina Debus

5.1 Normalisierung und Erotisierung von Macht und Ungleichheit

In geschlechterpolitischen und herrschaftskritischen Kreisen, in denen ich beheimatet bin, richten wir häufig den kritischen Fokus auf die gesamtgesellschaftliche Normalisierung von Herrschaft, Ungleichheit und ungleicher Zugänge zu Macht, die sich auch in Sexualität und Beziehungen niederschlägt, u.a. im Sinne einer Erotisierung von Macht. Jenseits des Erotik-Fokus wird dies u.a. von Birgit Rommelspacher unter dem Begriff der Dominanzkultur gefasst. Dies durchzieht alle Lebensbereiche.

In Bezug auf Sexualität, Erotik, Begehren und Partner*innenschaften sind die Normalisierung und Erotisierung von Machtgefällen und Ungleichheit am stärksten diskutiert in Bezug auf Patriar­chat, Sexismus und Heteronormativität: Bilder von sexuellen, erotischen und Liebesbeziehungen sowie Partner*innenschafts- und Familienmodelle unserer Gesellschaft sind kulturelles Produkt einer jahrtausendealten patriarchalen Geschichte, in der Menschen u.a. genötigt wurden, nicht-heterosexuelle Begehren zu unterdrücken, und in der sexistische Gewalt in Geschlechterverhält­nis­sen normalisiert und legitimiert wurde.

Frauen wurden über sehr lange Zeit systematisch von Männern abhängig gemacht und mussten sich mit wenigen Ausnahmen der Bindung eines Mannes versichern, um ihr wirtschaftliches Auskommen und ihre rechtliche Situation abzusichern (je nach Epoche und Gesellschaft gab es ein paar wenige alternative mehr oder weniger nachhaltige oder rechtlich abgesicherte Optionen für reiche Erbinnen, Witwen, Nonnen, Sexarbeiterinnen, Lehrerinnen oder Krankenschwestern). Sie waren dafür aufgefordert, sich den Wünschen des (künftigen) Ehemannes zu unterwerfen, sich vermittelt über Schönheit und soziale Kompetenzen als begehrenswert darzustellen und ihre Sexualität als Ware zu behandeln, die sie nicht zu früh und niedrigschwellig ‚anbieten‘ durften, sondern nur im Tausch gegen verlässliche Bindung und Versorgung durch Heirat. Autorität sollten sie allenfalls gegenüber Kindern, Bediensteten bzw. im Klassismus, Rassismus, Ableismus etc. niedriger positionierten Menschen sowie zum Zwecke der Fürsorge für ihre Männer und Angehörigen haben.

Männern wurde rechtliche Autorität über Frauen und Kinder zugesprochen, häusliche Gewalt war lange rechtlich legal und galt, zumindest in gewissem Maße, auch kulturell als legitim. Männer waren aufgefordert, allzeit Souveränität und Autorität zu beweisen und durften keine Verletzlichkeit zeigen. Männern, die nicht ‚die Hosen anhatten‘ in ihrem Haushalt, wurde in vielen Kontexten die ‚Männlichkeit‘ abgesprochen. Sie waren aufgefordert, sexuell die Initiative zu ergreifen und auch über gesetzte Grenzen von Frauen hinwegzugehen, zumal Frauen aufge­for­dert waren, aufgrund von Sittlichkeitsnormen und um ihre ‚Ware‘ Sexualität besser zu verkau­fen, auch dann Grenzen zu setzen, wenn sie eigentlich Lust hatten.

(Selbstverständlich sind diese Kurzzusammenfassungen mit breitem Pinsel gemalt und müssten kontextspezifisch und historisch differenziert und spezifiziert werden, hier geht es mir nur um ein grobes Nachzeichnen kultureller Einflüsse.)

All dies wirkt kulturell auch in unserer Gesellschaft fort, zumal selbst die rechtliche Gleichstellung erst wenige Jahrzehnte alt ist (und z.B. in Bezug auf das Recht auf Schwangerschaftsabbruch oder die geringe Verurteilungsquote bei sexualisierter Gewalt weiterhin brüchig) und ökonomisch weiterhin noch keine Gleichheit erreicht ist. Diese kulturellen Auswirkungen beschreibt Eva Illouz in ‚Warum Liebe wehtut‘ unter anderem sinngemäß so, dass unsere Erotik weiterhin über eine Grammatik der Ungleichheit strukturiert sei.

(Sie beschreibt es als Manko, dass wir noch keine erotische Sprache gefunden hätten, die Gleichheit, Konsens, Aushandlung und Grenzachtung nicht als unerotisch verstünde. Ich würde dem entgegenhalten, dass diese These zu kurz greift, weil Illouz bürgerliche Mittelschichts-Milieus untersucht hat, die relativ eng am gesellschaftlichen Mainstream gelagert sind. In min­des­tens feministischen, queeren sowie BDSM-Kreisen gibt es durchaus Lebenswelten, die genau eine solche Sprache entwickelt haben, in der sich Erotik, Grenzaushandlung und Konsens mitnich­ten ausschließen. Ich stimme ihr aber zu, dass solche Zugänge in unseren Gesellschaften nicht allgemein verfügbar sind, sondern nur in Nischen zugänglich und auch dort immer wieder brüchig.)

Darüber hinaus schlagen sich gesellschaftliche Dominanzverhältnisse auch in Bezug auf u.a. Rassismus, Klassismus oder Ableismus in Sexualität und Erotik nieder, auch wenn es hierzu keine ebenso breite Forschung und Debatte gibt.

Wir haben es in dieser Gesellschaft also in vielen Lebenswelten, Medien etc. mit einer Erotisie­rung von Ungleichheit und Macht zu tun, mit einer Normalisierung nicht freiwillig ausgehandelter Gewalt- und Machtverhältnisse in Sexualität und Beziehungen sowie mit einer Einschreibung von stereotypen Differenzkonstruktionen, Macht- und Ungleichheitsverhältnissen in sexuelle, eroti­sche und Beziehungsstrukturen und -kulturen, die Ergebnis einer jahrtausendealten Geschichte von Unrecht sind. Diese werden nicht ausgehandelt – vielmehr werden in diesem Norm-System oft Aushandlungen als Störung für eine als ‚natürlich‘ fantasierte Erotik empfunden.

Lese-Empfehlung zu sexistischen Hierarchien im Dating
  • Illouz, Eva (2013): Warum Liebe weh tut. Eine soziologische Erklärung. Berlin: Suhrkamp.

5.2 Gleichheit, Symmetrie und Synchronität

Allerdings, und jetzt kommen wir zu einem Spannungsverhältnis: Als Resultat aus Kämpfen gegen Ungleichheit hat sich in einigen Lebenswelten, Medien und heutzutage auch rechtlich parallel eine Gegen-Norm von Gleichheit in Bezug auf Beziehungen und Sexualität entwickelt.

Wenn wir die Idee politischer Gleichheit (die immer individuelle Verschiedenheit mitdenken und wertschätzen sollte) so verstehen, dass Bedürfnisse gleichberechtigt ausgehandelt werden und alle ein Recht auf Grenzachtung haben, schließe ich mich dieser Norm vollumfänglich an. Sie könnte zu einem dynamischen Verständnis von Gestaltungsfreiheit und grenzachtenden Aushandlungen individueller Bedürfnisse auf Augenhöhe führen.

Eine bedürfnisgerechte Gestaltung wird allerdings eingeschränkt durch ein statisches Verständnis gesellschaftlicher Gleichheit, das gleiche Formen im Verhalten verlangt. Ein solches Verständnis, das alten Konstruktionen von Norm und Abweichung neue Gegenkonstruktionen von Norm und Abweichung entgegensetzt, schlägt sich teilweise in Idealen von Symmetrie und Synchronität in der Sexualität nieder. Also der Norm (verallgemeinert für alle Menschen – nicht nur als eine von verschiedenen möglichen individuellen Präferenzen), dass im Sex alle Partner*innen grob gleich­zeitig bzw. kurz hintereinander das Gleiche tun und erleben sollen, also z.B. abwechselnd Oral­sex, sich gegenseitig streicheln, gleich oft kommen etc.

Auch diese Norm kann individuelle Aushandlung und Fluidität in der Sexualität einschränken, Druck aufbauen (z.B. einen Orgasmus vorzuspielen, damit die andere Person nicht enttäuscht ist oder sich schlecht fühlt) und wird nicht immer unterschiedlichen Bedürfnissen der Beteiligten gerecht.

Text u.a. zur Kritik eines wenig hilfreichen Verständnisses von Dekonstruktion, in dem alte Norm-Abweichungs-Konstruktionen durch neue ersetzt werden (in Bezug auf Geschlechteranforderungen, nicht mit Fokus auf Sexualität)
  • Debus, Katharina (2012): Vom Gefühl, das eigene Geschlecht verboten zu bekommen: Häufige Missverständnisse in der Erwachsenenbildung zu Geschlecht. In: Dissens e.V./Debus, Katharina/Könnecke, Bernard/Schwerma, Klaus/Stuve, Olaf (Hrsg.): Geschlechterreflektierte Arbeit mit Jungen an der Schule. Berlin: Dissens e.V. S.175–188. https://jus.dissens.de/material/abschlusspublikation.

5.3 Mäßigung, Kontrolliertheit und Souveränität

Beide Normen, also die Normalisierung und Erotisierung von Macht und Ungleichheit ebenso wie die Idealisierung von Gleichheit, Symmetrie und Synchronität in der Erotik lassen sich verknüpfen mit einer Norm, die oft eher im Kontext der (oft nicht so herrschaftskritischen) Sexualwissen­schaft und Sexualpädagogik problematisiert wird: der Erwartung, in Erotik und Sexualität wie auch in anderen Lebensbereichen stets Mäßigung, Kontrolliertheit und Souveränität zu beweisen. Dies wird teilweise auch als Einhegung von Sexualität beschrieben.

Zwar finde ich die oft dahinterliegende normative Annahme fragwürdig, dass Sexualität ‚eigentlich‘ naturwüchsig, wild und ungezähmt sei bzw. sein solle und diese Einhegung einen Verlust darstelle. Ich verstehe solche Konstruktionen von ‚Eigentlichkeit‘ und die Romantisierung eines konstruierten Naturzustands einerseits als verkürzte Analyse dessen, wie Menschen funktionieren, und teilweise, wenn historische Bezüge hergestellt werden, auch als sehr fragwür­dig in der historischen Analyse. Zum anderen sind sie allzu oft (aber nicht bei allen Vertreter*in­nen) mit einer Normalisierung von Ungleichheit oder Grenzüberschreitungen verbunden.

Dennoch halte ich diese Analyse der Normen von Mäßigung, Kontrolle und Souveränität in der Sexualität für inspirierend bzgl. der hier diskutierten Fragestellung. Diese Normen lassen sich unter anderem zurückführen auf eine Kultur, die im Zuge der bürgerlichen Revolutionen von weißen, goj (also nicht-jüdischen), erwachsenen, bürgerlichen, heterosexuellen Männern (ich nehme an: in der Regel ohne Behinderungen außer evtl. Kriegsverletzungen) geprägt wurde, um damit ihren Herrschaftsanspruch durchzusetzen, einerseits in Abgrenzung vom Adel und anderer­seits nach ‚unten‘. Sie diente dazu, u.a. Frauen, Menschen aus den Kolonien, Juden_Jüdin­nen, Arbeiter*innen, Menschen mit (zumindest bestimmten) Behinderungen, Kinder und Jugendliche etc. als weniger rational, nicht ausreichend selbstbeherrscht, zu emotional, zu sexuell etc. abzuwerten und damit – u.a. biologistisch begründet – aus dem Gleichheitsanspruch der (doch nicht so) universellen Menschenrechte auszuschließen. Eine solche Kultur, die Mäßi­gung, Kontrolle und Souveränität zentriert, ist nicht zuletzt eng verknüpft mit einem protestanti­schen Arbeits-Ethos und Verhaltensweisen, die im Kapitalismus zu Erfolg führen, und wird damit im Klassismus auch zum Erfolgsmaßstab für Menschen aller Geschlechter (mit Ausnahme weni­ger hyperprivilegierter Schichten).

In traditionellen Geschlechterverhältnissen, also denen, die sich im Zuge der bürgerlichen Revo­lu­tio­nen herausgebildet haben (der Begriff ‚traditionell‘ wird manchmal missverstanden, es ginge um Verhältnisse in der Steinzeit oder ähnliches, dabei ist die heute als traditionell verstandene Geschlechterkultur noch gar nicht so alt), wird diese Erwartung an Männer gerichtet. Wir finden sie also u.a. in der Normalisierung von männlicher Kontrolle und Souveränität in der (heterosexu­el­len) Sexualität wieder und in der Beschränkung der sexuellen Rechte von Frauen und nicht-heterosexuellen Menschen sowie anderer abgewerteter Menschengruppen, die von mehrfach­pri­vi­le­gier­ten Männern kontrolliert werden sollen. Hier verknüpft sich also die Norm von Mäßigung und Kontrolliertheit und Souveränität mit der eingangs beschriebenen Normalisierung von Ungleichheit und richtet sich an die gesellschaftlich dominante Position, während die in der gesamtgesellschaftlichen Hierarchie unten Positionierten sich kontrollieren lassen sollen.

(Wie die Rechtfertigung und Normalisierung männlicher Wut und des damit verbundenen Kontrollverlusts in u.a. Eifersuchtsmorden hier hineinpasst, finde ich noch nicht zu Ende gedacht. Meine Vermutung ist, dass in diesem Falle Patriarchat gewinnt und im Zweifel das männliche Privileg von Kontrolle über Frauen in der Deutung Oberhand gegenüber dem Anspruch an Selbstdisziplin. Bzw. dass der Kontrollverlust ausreichend als Schuld der Frau umgedeutet wird. Allerdings wird dieses Phänomen auch zum Teil symbolisch, also z.B. in Berichterstattungen, aus weißen bürgerlichen Schichten ausgegliedert und klassistisch und rassistisch gedeutet, sodass die Idee bürgerlicher, weißer, männlicher Kontrolliertheit abgesichert wird.)

In modernisierten Geschlechterverhältnissen haben wir es mit einer Verallgemeinerung vieler (nicht aller) für Männer geltender Normen (Männlichkeitsanforderungen) auf alle zu tun, die sich damit Achtung, Handlungsfähigkeit für ihr eigenes Leben und u.a. ökonomischen Erfolg erkaufen wollen bzw. sollen (vgl. hierzu die Texte von Olaf Stuve und mir zu Männlichkeits- und Weiblich­keit­san­for­de­run­gen aus dem Kasten Zum Einfluss von Gesellschaft auf die Herausbildung von Persönlichkeit, Geschmack, Begehren etc. in Artikel 4). Wir können dies unter anderem als Androzentrismus (von griechisch: andras = Mann) beschreiben, also dass das, was als männlich konstruiert wird, ins Zentrum gestellt wird. Wer gleichen Zugang zur Macht dieses Zentrums haben möchte, muss sich an die entsprechenden Normen anpassen.

Nun wird die oben beschriebene Gleichheitsnorm in der Variante, die Symmetrie und Synchronität einfordert, teils in einer Form ausgelegt, die

  • im Zuge der Modernisierung von Geschlechterverhältnissen Kontrolliertheits- und Souveränitätsanforderungen auf alle verallgemeinert
  • nun Kontrollverluste im Sex für alle problematisiert
  • genau rechnet, wer was getan hat und was nun die andere Person tun sollte
  • auf halbwegs synchrones Timing und symmetrische Handlungen achtet
  • klare Prozedere vorgibt, wie genau ‚gute‘ gleichberechtigte, emanzipierte Sexualität aussieht und wann und wie Grenzen ausgehandelt werden sollen
  • dabei allen Beteiligten eine gewisse Kontrolliertheit und Souveränität sowie den Schutz vor Verletzlichkeit abverlangt.

Eine in diesem Sinne verstandene Gleichheitsnorm, lässt sich vor der kritischen Sichtweise auf Normen von Mäßigung, Kontrolliertheit und Souveränität nicht nur (aber durchaus auch) als Gegenbewegung zur Normalisierung und Erotisierung von Macht und Ungleichheit verstehen. Sie kann vielmehr auch eingeordnet werden als eine Verallgemeinerung von Normen, die vormals vor allem auf bürgerliche, weiße, goj Männer (mindestens ohne bestimmte Behinderungen) bezogen waren und nun im Zuge einer androzentrischen Modernisierung auf alle ausgeweitet werden. Auch die, ursprünglich mit herrschaftskritischen Absichten entwickelte, Gleichheitsnorm kann sich, wenn sie statisch im Sinne von Symmetrie und Synchronität verstanden wird, also mit der Norm von Mäßigung, Kontrolliertheit und Souveränität verknüpfen.

Exkurs: Norm fortpflanzungsnaher Sexualität

Ich habe in meiner Haupt-Argumentation eine Norm ausgelassen, die eine zentrale Rolle in queeren Konzeptionalisierungen von BDSM spielt (vgl. u.a. verschieden Texte von Robin Bauer im Kasten Weitere Perspektiven zum Verhältnis von BDSM-Praktiken zu gesamtgesellschaftlichen Normen in Kapitel 6.5.):

Die Norm, dass ‚normale‘ Sexualität möglichst nah an klassischer heterosexueller Fortpflanzung orientiert sein soll, also Penis-in-Vagina-Penetration, und dass andere Formen von Sexualität bestenfalls als Vorspiel, Abenteuer, Experiment oder Ersatzhandlung, schlimmstenfalls als Perversion eingeordnet werden.

Dies berührt in Bezug auf BDSM und in Bezug auf Abwertungen als ‚pervers‘ die diskutierte Fragestellung, ist allerdings auf einer anderen Ebene gelagert als die hier zentrierte Frage der Machtverhältnisse zwischen den Beteiligten etc. und steht aus meiner Sicht nicht im Zentrum der Differenz zwischen Vanilla und BDSM/Kink: Wenn wir Vanilla als Nicht-BDSM definieren, kann es aus meiner Sicht auch vanilla Sex geben, der nicht fortpflanzungsnah ist, z.B. zärtlichen gegenseitigen Oralsex, (u.a. gemeinsame oder gegenseitige) Masturbation auf Augenhöhe etc. Dennoch finde ich diese Norm für die hier diskutierte Fragestellung einen Exkurs wert und werde sie später in Artikel 6.5 Pervertierende Subversion problematischer gesellschaftlicher Normen kurz aufgreifen.

5.4 Kaleidoskop-Spiele

Ich gehe mit Michel Foucault davon aus, dass es kein Jenseits der gesellschaftlichen Macht gibt, dass also in herrschaftsförmigen Gesellschaften Machtungleichgewichte und die sie legitimieren­den Diskurse allgegenwärtig sind. Es gibt in einer Gesellschaft wie der unseren daher meines Erachtens nicht eine irgendwie ungesellschaftliche natürliche Sexualität. Ferne gehe ich ebenfalls mit Foucault mit, dass in den Faktoren, die gesellschaftliche Machtungleichheiten zumindest auf der kulturellen Ebene entstehen lassen bzw. stabilisieren, immer auch Gegengewichte und Möglichkeiten des Widerstands bzw. der Subversion beinhaltet sind.

Darüber hinaus nutze ich ein von Jacques Derrida inspiriertes Verständnis von Dekonstruktion. Ich gehe davon aus, dass zumindest ein Teil der Ungleichheitsverhältnisse, mit denen wir es heute u.a. in Bezug auf Sexualität zu tun haben, auf einer Unterscheidung zwischen Norm und Abweichung beruht. Dieser Konstruktion neue Verständnisse von Norm und Abweichung entgegenzusetzen, wäre keine Dekonstruktion, sondern eine einfache Umkehrung. Die Denkbe­we­gung der Dekonstruktion hingegen wendet sich ab von binären Entweder-Oder-Gegensatzkon­struk­tio­nen, zerlegt sie in ihre viel komplexer verbundenen Bestandteile und setzt diese neu zusammen, sucht Zwischenräume auf, verschiebt Grenzen, erkennt Ambivalenzen an und schafft neue Räume.

Es ist vor diesem Hintergrund also wie ein Spiel mit einem Kaleidoskop: Je nachdem, wie wir das Kaleidoskop drehen, können die gleichen sexuellen Praktiken z.B. als Ausdruck von Gleichheit oder von einer Verallgemeinerung patriarchaler (und weiterer Herrschafts-) Strukturen erscheinen.

Das kann bisweilen schwindelig machen – Raewyn Connell spricht in „Der gemachte Mann“ in einem anderen Kontext von geschlechtsbezogenem Schwindelgefühl bzw. im englischen Original von gender vertigo, das dann eintritt (mit meinen eigenen Worten), wenn wir uns individualisiert auf den Weg machen, Geschlechterverhältnisse zu verändern, den Blick weiten und Dinge neu- und umdenken, ohne parallel dazu kollektiv auch die Verhältnisse zu verändern.

Ich denke, in komplexen Verhältnissen, in denen alle Praktiken notwendig in Herrschaft einge­bun­den sind, weil es ein Jenseits von Herrschaft nicht gibt, weil wir alle unsere Perspektiven, Gefühle, Bedürfnisse, Persönlichkeiten etc. unter Herrschaftsbedingungen entwickelt haben und weiterentwickeln, kommen wir um solche Schwindelgefühle nur dann herum, wenn wir einen Teil der komplexen Realität ausblenden. Damit ist aber aus meiner Sicht niemandem geholfen.

Wenn wir uns der komplexen Realität stellen, in der jede auch widerständige Praxis immer integrierbar in und vereinnahmbar von Herrschaft ist, müssen wir aus meiner Sicht etwas bescheidener werden in unseren Analysen und Wahrheitsannahmen. Wir können uns dann eher vortastend schrittweise bewegen, indem wir Spannungsverhältnisse und Balance-Akte besser verstehen und uns darauf einlassen, die Auswirkungen verschiedener Optionen immer konkret im Detail zu betrachten und im achtungsvollen Dialog mit den Menschen, die direkt involviert und/oder indirekt betroffen sind.

Ich wende im Folgenden diesen Blick auf gesellschaftliche Normen zunächst auf BDSM- und dann auf Vanilla-Praktiken an. Die beiden Artikel können unabhängig voneinander gelesen werden.

6 BDSM, gesellschaftliche Normen und internalisierte Unterdrückung

Katharina Debus

Für Quereinsteiger*innen in diese Artikelserie:

Die Buchstabenreihung BDSM steht für Bondage, also einvernehmliche Spiele mit Bewegungseinschränkung, D/s bzw. Dominance and Submission, also einvernehmliche Spiele mit Machtgefällen, sowie SM bzw. Sadismus und Masochismus, also einvernehmliche Spiele mit (Lust-)Schmerz. Oft werden auch andere Spielarten mitgemeint, wie z.B. Rollenspiele, Fetische für Materialien oder Körperteile oder einvernehmlicher Voyeurismus und Exhibitionismus. Alle genannten Spielarten werden auch unter dem Begriff Kink (Adjektiv: kinky) beschrieben. Menschen, die damit nicht vertraut sind, empfehle ich, zunächst Artikel 1 BDSM & Kink – erotische Spiele mit Macht, Schmerz, Bewegungseinschränkung und weitere Praktiken und Artikel 2 Konsens bzw. Einvernehmlichkeit als Grundvoraussetzung von BDSM/Kink, idealerweise auch Artikel 3 Konsens für alle: Prinzipien und Praktiken – nicht nur für BDSMer*innen dieser Artikelserie zu lesen.

Im folgenden Artikel diskutiere ich, entlang der in Artikel 4 Sexualität in herrschaftsförmigen oder freieren Gesellschaften: (In-)Fragestellungen und Wissen um das eigene Nicht-Wissen aufgeworfenen Fragestellungen, wie sich BDSM in die in Artikel 5 Gesellschaftliche Normen rund um Sexualität, (A)symmetrie und Macht – nicht nur interessant rund um BDSM beschriebenen gesellschaftlichen Normen einordnen lässt bzw. lassen könnte. Ich rate daher, Artikel 5 vor diesem zu lesen oder ggf. ersatzweise die kurze Zusammenfassung in der Einleitung der bei BOYkott erschienenen Kurzfassung dieser Artikelserie [2] Artikel 4 ist auch relevant, um meine Grundhaltung zu diesen Fragen zu verstehen, aber keine nötige Voraussetzung zum Verständnis des folgenden Artikels.

In feministischen Debatten werden oft zwei unterkomplex vereindeutigende Bilder rund um BDSM und gesellschaftliche Machtverhältnisse konfrontativ gegeneinander diskutiert. Das wird weder der Sache gerecht, noch ermöglicht es eine Verständigung.

Über der Grafik ist als Überschrift ein türkises Oval mit dem Text: Debatten um BDSM und Feminismus. Von dort zeigt ein Pfeil nach unten auf einen dunkellila Kasten mit abgerundeten Ecken mit dem Text: Achtung: unterkomplexe Vereindeutigungen. Darunter sind links und rechts je zwei Kästen angeordnet und ganz unten ein weiterer Kasten mit abgerundeten Ecken in der Farbe des gerade genannten Kastens. Die beiden Kästen links sind indigo-blau, also fast lila. Im oberen steht: Dämonisierung & Stigmatisierung als einfache Reproduktion von Ungleichheit. Davon zeigt ein Pfeil nach unten auf den nächsten Kasten. Im nächsten Kasten steht: Unterschätzung des persönlich wohltuenden, transformativen und subversiven Potenzials. Anmaßung, besser zu wissen, was für andere gut ist, als diese selbst. Die beiden Kästen rechts sind in einem Farbton zwischen pink und lila gefärbt. Im Oberen steht: reiner Fokus auf Freiwilligkeit. Verschleierung von Risiken der Formähnlichkeit zu und des (pervertierenden) Spiels mit Gewalt und Ungleichheit(sverhältnissen). Davon zeigt ein Pfeil nach unten auf den nächsten Kasten. In dem steht: Ausblendung von Risiken bzgl. a) möglicher Folgen internalisierter Unterdrückung, b) Auswirkungen selbst-/fremdschädigender Verarbeitung biografischer bzw. gesellschaftlicher Beschädigungen, c) Herausforderungen von Aushandlungen bei gesellschaftlichen bzw. szenespezifischen Machthierarchien. Der Kasten mit den abgerundeten Ecken ganz unten in der Mitte ist in der gleichen Farbe gehalten, wie der lila Kasten weiter oben in der Mitte, in dem stand: Achtung: unterkomplexe Vereindeutigungen. Beide Kästen sind mit einem Pfeil verbunden, der in beide Richtungen zeigt. Im unteren Kasten steht: hilfreicher: informierte Reflexion in Anerkennung von Komplexität und Spannungsverhältnissen spezifisch für die Situation bzw. Beteiligten.
Grafik: Debatten um BDSM und Feminismus

Grafik & Konzept: Katharina Debus

Die einen blicken mit einem statischen Blick auf die Formähnlichkeit zwischen BDSM, (bestimm­ten) gesellschaftlichen Ungleichheitsverhältnissen sowie Gewalt und dämonisieren und stigmatisie­ren BDSM als einfache Reproduktion gesellschaftlicher Ungleichheitsverhältnisse (meist Sexismus bzw. Patriarchat). Sie unterschätzen die Möglichkeiten von BDSM, zu einer persönlich wohltuenden Sexualität beizutragen, sowie sein transformatives und subversives Potenzial (ich komme unten darauf zurück). Und sie maßen sich an, in die Gestaltungsfreiheit anderer einzugreifen und selbst besser zu wissen, welche Sexualität anderen guttut als diese das wissen. Die Basis dafür ist oft ein verkürzter Begriff internalisierter Unterdrückung, der nahelegt, in einer herrschaftsförmigen Gesellschaft eindeutig zwischen problematischen und ‚unschuldigen‘ bzw. ‚natürlichen‘ Praktiken unterscheiden zu können, ohne die beteiligten Individuen und ihre Perspektiven bzw. ihr Erleben einzubeziehen (vgl. zur Kritik dieser Sichtweise Artikel 4 Sexualität in herrschaftsförmigen oder freieren Gesellschaften: (In-)Fragestellungen und Wissen um das eigene Nicht-Wissen). Oft werden auch einzelne Erfahrungsberichte herausgegriffen, die auf reale Probleme verweisen, ohne diese in ein angemessenes Verhältnis zu weiteren, ganz anderen Erfahrungen zu setzen.

Manche andere vertreten (oft aus einer Verteidigungshaltung, weil ihre Sexualität oder Lebensweise angegriffen wurde, aber auch aus verkürzten, neoliberalen Gesellschafts- und Sexualitätsanalysen) teilweise ein Verständnis von Freiwilligkeit, das

  • die Problematik internalisierter Unterdrückung ignoriert,
  • mögliche Auswirkungen selbst- und fremdschädigender Formen der Verarbeitung biografischer und gesellschaftlicher Traumata ausblendet und
  • Herausforderungen von Aushandlungen bei gesellschaftlichen und lebensweltlichen (u.a. bzgl. Erfahrenheit, Beliebtheit oder Rollen-Hierarchien) Machthierarchien nicht berücksichtigt.

Hier wird verschleiert, dass es spezifische Risiken mit sich bringen kann, wenn im BDSM-Kontext mit Praktiken gespielt wird, die formähnlich zu Gewalt und unfreiwilliger Ungleichheit sind, und dass es nicht immer einfach ist, Einvernehmlichkeit herzustellen, wenn die Ausgangsbedingungen von unfreiwilligen Machtgefällen geprägt sind.

Anstatt dieser Gegenüberstellung und konfrontativen Verteidigung zweier unterkomplexer BDSM- und Konsens-Verständnisse empfiehlt sich meines Erachtens eine informierte Reflexion, die bewusst mit Risiken und Spannungsverhältnissen umgeht und Menschen darin fördert, reflektierte Entscheidungen zu treffen. Und zwar je spezifisch bezogen auf konkrete Situationen, Beziehungen und Menschen und unter Berücksichtigung der persönlichen Begehren, Grenzen, Emotionen, Geschichten und Risikoprofile der Beteiligten – nicht verallgemeinernd.

An einer solchen Analyse, die sich Spannungsverhältnissen und Komplexität stellt, versuche ich mich im Folgenden. Wie am Ende von Artikel 5 beschrieben, drehe ich dabei das Kaleidoskop hin und her, versuche zu ent-eindeutigen und bemühe mich, eine Grundlage zu legen, um Impulse in Richtung BDSM-Praktiken neugierig, reflexiv und ergebnisoffen zu erkunden. Dabei beginne ich bei problematischen Aspekten und beziehe mich dann auf transformative und subversive Potenziale von BDSM, um dieser Politisierung am Ende einen Fokus auf Spaß, Genuss, Intimität und Erregung entgegenzusetzen. Ein Start mit möglichen Problematiken ist zwar fragwürdig, wenn es um ohnehin oft stigmatisierte Praktiken geht, da dies die Stigmatisierung wiederholen könnte. Da es in diesem Artikel aber gerade um einen herrschaftskritischen und damit politisier­ten Blick auf BDSM geht, scheint mir dies dennoch der sinnvollste Aufbau zu sein – zumal ich gerne mit den lustvollen Seiten enden will.

Im Fazit dieses Artikels findet sich eine zusammenfassende Grafik zu den im Folgenden diskutierten Aspekten.

6.1 Reproduktion biografischer Beschädigungen und gesellschaftlicher Ungleichheit sowie Normkonformität

Auch wenn wir BDSM grundsätzlich als (mehr oder weniger) sexuelle Spielart schätzen, sollten wir einen kritischen Blick auf die Frage der Freiwilligkeit (das F im in Artikel 3.2 Prinzipien von Konsens bzw. sexueller Einvernehmlichkeit beschriebenen FRIES-Modells: Freely Given/Frei Gegeben) in Bezug auf Konsens werfen:

Wenn manche Menschen ein ganzes Leben lang gelernt haben, dass ihre Grenzen nichts zählen, dass sie nicht geliebt werden, wenn sie es anderen nicht recht machen, dass ein durchsetzungs­fä­hi­ges bzw. dominantes Verhalten sie einsam macht oder dass z.B. ihre Weiblichkeit in Frage gestellt wird, wenn sie zu ‚aufmüpfig‘ sind; wenn andere gelernt haben, dass sie immer Stärke und Kontrolle beweisen müssen, um sich zu schützen oder um ihre Leistungsfähigkeit, Souveräni­tät oder auch ihre Männlichkeit zu beweisen, dass sie verletzt, abgewertet oder verlassen werden, wenn sie Verletzlichkeit zeigen, dass sie sich am besten durch Kontrolle, Abwertung anderer oder Gewalt vor Verletzlichkeit oder Eingriffen in ihre Integrität und Selbstbestimmung schützen können; wenn manche Menschen gelernt haben, wer a sagt, müsse auch b sagen und sie dürften sich aus etwas, was sie interessiert, nicht die Rosinen rauspicken; wenn vielen Menschen von früh auf beigebracht wurde, Geschlechterhierarchien oder andere Ungleichheits­ver­hält­nis­se oder Macht bzw. Dominanz zu erotisieren; wenn manche Menschen lernen, sich in Frage gestellt oder bedroht zu fühlen, wenn Partner*innen auf Augenhöhe agieren; wenn nicht wenige Menschen lernen, wenn sie ‚modern‘, ‚emanzipiert‘ oder ‚cool‘ sein wollen, müssten sie sexuell abenteuerlustig sein und dürften nicht zu viele Grenzen haben – in all diesen Fällen und vielen weiteren ist die Frage des freien Willens und damit auch die Frage der Wahrnehmung und Verhandelbarkeit von Wünschen und Grenzen komplex. (Und dennoch ist, so viel sei vorwegge­nom­men, Selbstbestimmung unter Bedingungen informierter Einvernehmlichkeit aus emanzipa­to­ri­scher Sicht alternativlos.)

BDSM-Praktiken können in diesem Sinne biografische selbst- bzw. fremdschädigende Muster reproduzieren. Sie können Reaktionen auf Belastungen und Traumatisierungen sein, die wenig Veränderung und Heilung ermöglichen. Sie können bewusst oder unbewusst eigene oder anderer Menschen selbst- und fremdschädigende Muster stabilisieren, anstatt sich um Alternativen, Weiterentwicklung, Psychotherapie etc. zu kümmern.

Sie können auch konform mit gesellschaftlichen Ungleichheitsnormen sein. Sie können das repro­du­zie­ren, was Menschen als ‚normal‘ in Bezug auf Herrschafts- und Machtverhältnisse sowie Sexua­li­tät gelernt haben. Und sie können konform mit (post-)modernen Normen sexueller Leistungsfähigkeit, Grenzenlosigkeit und Experimentierfreude sein.

Bestimmte BDSM-Diskurse, wie auch andere einseitige liberale Diskurse, die Herrschaftskritik außen vor lassen, können genutzt werden, um unter Verweis auf Freiwilligkeit kritische Befragun­gen und Selbstreflexionen zum Umgang mit gesellschaftlichen, Szene- und Rollen-Hierarchien sowie Beziehungsgewalt zu verhindern oder zumindest zu erschweren.

Wenn Freiwilligkeit neoliberal und nicht herrschaftskritisch verstanden wird, bringen manche BDSM-Diskurse das Risiko mit sich, dass sie gegen einen kritischen Blick immunisieren, z.B. wenn kritische Reflexionen reflexhaft als Kink-Shaming angegriffen werden. Sie können auch eine kritische Analyse auf eigene unbewusste Muster erschweren. So haben BDSM-Diskurse, wenn Konsens zu oberflächlich verstanden wird, tatsächlich ein Potenzial, verschleiernd instrumentali­siert zu werden oder, auch ohne Absicht, zu einer Festigung von Problemen beizutragen.

Eine solche Ausblendung problematischer Aspekte der eigenen Sexualität finden wir allerdings auch in Bezug auf Vanilla-Praktiken (siehe Artikel 7 Vanilla-Sex (also: Nicht-BDSM) – Macht – Gesellschaft). Und sie trifft in Bezug auf BDSM nur manchmal zu und erfasst bei weitem nicht die gesamte Realität rund um gelebten Kink.

Beim Umgang mit den beschriebenen Problemen hilft es aus meiner Sicht nicht, das Kind mit dem Bade auszuschütten, also BDSM negativ zu pauschalisieren. Selbstbestimmung wird durch persönliches Wachstum, Suchbewegungen, hilfreichen Austausch, solidarische Unterstützung, Verarbeitung von Belastungen, kritische Reflexionen, Erlernen neuer Bewältigungsstrategien im Umgang mit Problemen oder Herausforderungen und die Erweiterung von und Orientierung in persönlichen Möglichkeiten erlernt.

Autoritäre Bevormundung und Abwertung von Dingen, die Menschen guttun können, tragen nicht zu Emanzipation bei. Wenn wir uns auf solche Logiken einlassen, wiederholen wir patriar­chale Muster von Paternalismus. Dies steht Selbstbestimmung sowie auch in vielen Fällen einer erfüllten Sexualität entgegen. Verbote bzw. Stigmatisierungen helfen nicht auf dem Weg zu einem schöneren Sexleben und lösen erlernte problematische Botschaften nicht auf.

(Selbstverständlich sind klare Grenzsetzungen dennoch nötig an Stellen, an denen andere vor Grenzüberschreitungen – also nicht-konsensuellen Eingriffen in ihre Selbstbestimmung und Intimsphäre – geschützt werden müssen. In dieser Hinsicht sind auch Verbote und Sanktionen notwendig. Und dies gilt erst recht für Situationen, in denen eine Partei nicht einwilligungsfähig ist, wie z.B. Kinder in Bezug auf Erwachsenensexualität und das Machtgefälle zwischen Kindern und Erwachsenen. Aber darum geht es hier gerade nicht – hier ist die Rede von Handlungen unter einwilligenden und miteinander einwilligungsfähigen Menschen.)

Ohnehin ist es, unabhängig von der Ausformung sexuellen Begehrens, für alle Menschen wün­schens­wert, gute Reflexions- und Weiterentwicklungsangebote in Bezug auf biografische und gesellschaftliche einengende Botschaften und Beschädigungen zu erhalten. Dies hilft auch dabei, sich ein erfüllteres Sexleben zu gestalten, ganz ohne einseitig BDSM zu problematisieren.

Darüber hinaus bedarf es einer Auseinandersetzung mit einem kritisch-emanzipatorischen Konsens-Begriff und eines reflektierten Umgangs mit möglichen Fallstricken. Leitfrage sollte dabei immer sein, was den verschiedenen Beteiligten guttut. Manchmal lässt sich diese Frage einfach beantworten. Manchmal ist es hilfreich, sich komplexer mit der eigenen Biografie und Handlungsspielräumen sowie mit lebensweltlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu beschäftigen und Schritt für Schritt und ergebnisoffen die eigene Sexualität zu erkunden. Ich hoffe, die Reflexionsfragen in Artikel 8 Reflexionsfragen zu eigenen Begehren und sexuellen Impulsen können dazu beitragen.

Texthinweise zu einem Konsens-Begriff, der Machtunterschiede mitdenkt sowie zu möglichen problematischen Effekten mancher BDSM-Diskurse
  • Bauer, Robin (2016): Vom liberalen zum kritischen Konsens. Ein empirischer Blick auf Praxen der Aushandlung von Konsens in queeren BDSM-Kontexten. In: Borkenhagen, Ada/Brähler, Elmar (Hrsg.): Wer liebt, der straft? Gießen: Psychosozial. S.129–142.
  • Bauer, Robin (2022): Individuelle und kollektive Grenzerfahrungen – Dimensionen von BDSM als Spielwiese sexueller Bildungsmöglichkeiten. In: Böhm, Maika/Herrath, Frank/Kopitzke, Elisa/Sielert, Uwe (Hrsg.): Handbuch Sexuelle Bildung im Erwachsenenalter. Selbstbestimmt „sexuell werden“ – Sexualität und Erwachsenenbildung. Weinheim/Basel: Beltz Juventa. S.354–367.

6.2 Lust mit dem, was da ist

Nicht immer müssen Erfahrungen mit Kink den Umgang mit Belastungen bzw. Traumatisierungen verbessern oder verschlechtern. Kink-Praktiken können auch einfach dem Lustgewinn dienen. Auch dann, wenn die Vermutung besteht, dass diese spezifische Ausprägung der eigenen Begehren etwas mit problematischen Erfahrungen zu tun haben könnte – nicht immer ist Kink dynamisierend in die eine oder andere Richtung.

Dieser Punkt ist eng verbunden mit dem Fokus auf Lust, auf den ich in Kapitel 6.8 Lustgewinn, Impulsivität und Intimität zurückkomme. Immer mit einer Problematisierungsbrille auf Begehren und Sexualität zu schauen und dabei die Lust der Beteiligten nur instrumentell in Hinblick auf größere Ziele zu betrachten, kann manchmal mehr schaden als nutzen – Lust kann einen ganz eigenständigen Wert haben.

6.3 Transformation schmerzhafter bzw. schädigender Erfahrungen und positive Gegenerfahrungen

BDSM-Praktiken können nicht nur eine problematische oder nicht-verändernde Reaktion auf persönliche oder gesellschaftliche Belastungen und Traumatisierungen sein. Sie können sich auch empowernd bzw. transformativ auswirken.

BDSM kann es ermöglichen, Themen, mit denen schmerzhafte Erfahrungen von Fremdbestim­mung, Verletzung, Herabwürdigung bzw. Beschädigung gemacht wurden und/oder die in dieser Gesellschaft problematische alltägliche Realität sind, in einer Form wieder aufzugreifen, in der die betroffene Person Kontrolle über den Verlauf bzw. Ausgang hat oder die es erlaubt, das Thema anderweitig positiv zu wenden.

Unter anderem kann es im Kink-Kontext möglich sein, Gefühle, die sonst oft negativ als Schwächen gewertet werden, wie Scham, Unsicherheit, Angst, Bindungswünsche, emotionalen Überschwang, Distanz etc., positiv zum Lustgewinn einzusetzen. Das wiederum kann bei Selbstakzep­tanz unterstützen.

Eine lustvolle Ansprache ansonsten schmerzvoller oder schwieriger Themen bzw. Erfahrungen im BDSM-Kontext kann diesen Erfahrungen potenziell, wenn es gut geht, Macht nehmen und zu positiven Gegenerfahrungen führen. Darüber hinaus ermöglichen verschiedene kinky Praktiken (Selbst‑)Wirksamkeitserfahrungen, die verohnmächtigenden Erfahrungen in einer herrschafts­förmigen Gesellschaft und/oder in der eigenen Biografie etwas entgegensetzen können.

Kink kann es darüber hinaus ermöglichen, Erfahrungen zu machen, die im eigenen Alltag sonst keinen Raum haben oder im bisherigen Leben zu kurz kamen – auch dies können positive und heilsame Gegenerfahrungen sein.

Allerdings sollte dieses Potenzial umsichtig betrachtet werden, da es immer wieder zu Über­schät­zun­gen des therapeutischen Potenzials von Kink kommt. Dies wird teils von Täter(*inne)n strategisch genutzt, bringt aber auch bei bestem Willen aller Beteiligten Retraumatisierungs-Risiken mit sich oder kann dazu führen, benötigte Therapien nicht anzugehen. Es bedarf also eines selbstkritischen Umgangs mit dem Risiko von Selbstüberschätzung und Vermeidungsverhal­ten sowie der Notwendigkeit, bestimmte Themen mit professioneller therapeutischer Begleitung zu bearbeiten.

Dennoch hat Kink das Potenzial, einen transformatorischen Umgang mit schmerzhaften Erfahrun­gen und gesellschaftlichen Verhältnissen zu üben, dadurch vielleicht auch Dinge aufzuarbeiten, sich weiterzuentwickeln und/oder zu empowern, die eigenen Handlungsmöglich­keiten zu erweitern und das Ganze noch als lustvoll zu erleben.

6.4 (Teil-)Integration und Kanalisierung verworfener Persönlichkeitsanteile oder problematischer Impulse

In Überschneidung mit dem vorgenannten Punkt hat BDSM auch das Potenzial, verworfene Persönlichkeitsanteile oder im Alltag problematische Impulse (teilweise) in einer Form zu kanalisieren und integrieren, die allen Beteiligten guttut. In diesem Unterkapitel überschneiden sich Gesellschaftskritik, eine Analyse psychologischer Mechanismen und der Umgang mit Folgen aus beiden Aspekten.

Mit dem Begriff der Verwerfung beschreibt Judith Butler unter Bezug auf Sigmund Freud einen Prozess (mit meinen eigenen Worten und Weiterentwicklungen beschrieben), in dem die Psyche u.a. aufgrund von Normierungen, Sanktionen, Zwang, Anreizen und Normalisierungen, bestimm­te Entwicklungsmöglichkeiten, Wünsche, Begehren, Impulse, Gefühle etc. verwirft bzw. verwer­fen muss. Dieser Prozess und die verworfenen Aspekte werden oft vergessen – es bleibt u.a. eine unspezifische Trauer bzw. Melancholie. Ich vermute, es bleiben darüber hinaus auch unspezifi­sche Aggressionen, Fühllosigkeiten oder Verwirrtheiten.

Oft wird dabei das Verworfene zu etwas Verwerflichem, möglicherweise um mit dem eigenen unbetrauerten Verlust umzugehen. Dann reagiert eine Person mit (oft rational nicht begründba­rer) Aggression, Abwehr oder Verachtung, wenn andere Menschen – zumindest andere Men­schen, die ihr (z.B. geschlechtlich) ähneln –, es sich herausnehmen, das zu sein oder zu tun, was sie selbst schmerzhaft verwerfen musste.

Judith Butler hat dies für Anpassungsprozesse an Geschlechternormen herausgearbeitet und Olaf Stuve und ich haben diese Überlegungen weiter ausformuliert. Geschlechtsbezogene Verwerfun­gen finden wir bei männlich sozialisierten Menschen u.a. oft in Bezug auf Wünsche nach Nähe mit anderen Jungen/Männern, (Umgang mit) Verletzlichkeit bei sich und anderen, Kontroll- und Souveränitätsverlust, Bindungssehnsüchte, starke Gefühle außer Wut, weiblich konnotierte Kleidung, Farben oder Stylings etc. Bei weiblich sozialisierten Menschen können wir Verwer­fungs­pro­zes­se u.a. in Bezug auf Dominanz, Durchsetzungsfähigkeit, Abgrenzungsfähigkeit, starkes und initiatives sexuelles Begehren (generell im Kontext von slut shaming sowie im Kontext von Heteronormativität in Bezug auf Menschen, die keine Männer sind) sowie Freude am Essen beobachten. Darüber hinaus wird auch oft der Impuls verworfen, die eigenen Wünsche und Empfindungen zu fokussieren, ohne immer alle anderen mitzudenken oder ein schlechtes Gewissen zu haben. In modernisierten weiblichen Sozialisationen kann es zusätzlich ebenfalls um Männlichkeitsanforderungen wie Verletzlichkeitsabwehr und die Aufrechterhaltung von Kontrolle gehen, aber auch um die Erfahrung, dass dennoch zu viel Dominanz einsam macht.

Texthinweise zu Verwerfungsprozessen und Geschlechteranforderungen
  • Butler, Judith (2001): Psyche der Macht: Das Subjekt der Unterwerfung. Frankfurt/M.: Suhrkamp.
  • Dissens e.V./Debus, Katharina/Könnecke, Bernard/Schwerma, Klaus/Stuve, Olaf (Hrsg.): Geschlechterreflektierte Arbeit mit Jungen an der Schule. Berlin: Dissens e.V. https://jus.dissens.de/material/abschlusspublikation:
    • Stuve, Olaf/Debus, Katharina (2012): Geschlechtertheoretische Anregungen für eine geschlechterreflektierte Pädagogik mit Jungen. S. 27–42.
    • Stuve, Olaf/Debus, Katharina (2012): Männlichkeitsanforderungen. Impulse kritischer Männlichkeitstheorie für eine geschlechterreflektierende Pädagogik mit Jungen. S. 43–60.
    • Debus, Katharina (2012): Und die Mädchen? Modernisierungen von Weiblichkeitsanforderungen. S. 103–124.
  • Villa, Paula-Irene (2003): Judith Butler. Frankfurt/M.: Campus. Wittenzellner, Ulla/Klemm, Sarah/Debus, Katharina (2020): Folge #4-6: Weiblichkeit(en). Im Rahmen des Podcasts Alles für Alle – Im Dissens mit den herrschenden Geschlechterverhältnissen von Dissens – Institut für Bildung und Forschung. 16.09.–02.11.2020. https://dissens.de/podcast.

Darüber hinaus lernen in dieser Gesellschaft viele Menschen aller Geschlechter, Impulse, die sie verletzlich machen, die Kontrollverluste mit sich bringen oder ‚übermäßig‘ erscheinen (Robin Bauer spricht in Bezug auf BDSM von „exuberant intimacies“), die also im Konflikt mit gesell­schaft­li­chen Souveränitäts-, Kontroll- und Mäßigungsnormen stehen, zu verwerfen bzw. in wenige sozial akzeptable Nischen zu kanalisieren (z.B. Fußball, Feiern-Gehen bzw. sogenannte Volksfeste mit Alkohol oder anderen Drogen, Karneval etc.).

Nicht zuletzt können bestimmte mögliche Impulse, Begehren und Persönlichkeitsanteile aus gutem Grund zum Selbst- oder Fremdschutz verworfen worden sein. Entweder wurden biogra­fisch Möglichkeiten verworfen, die damals zu Problemen geführt haben, aber heute gut für das eigene Leben wären, z.B. emotionale Offenheit bei übergriffigen oder emotional nicht ausrei­chend abgegrenzten Eltern. Oder es wurden und werden Möglichkeiten verworfen, die auch heute im Alltag tatsächlich nicht ungefiltert ausgelebt werden sollten, wie z.B. starke Aggressio­nen gegen andere, Autoaggressionen oder anderes selbst- oder fremdgefährdendes Verhalten.

Auch jenseits biografischer Verwerfungsprozesse kann es heute relevant sein, bestimmte Impul­se und Persönlichkeitsanteile nicht ungefiltert im Alltag auszuleben. Dabei kann es sowohl um egozentrische, aggressive und/oder dominante als auch um sehr auf das Wohl anderer orientier­te, hingebungsvolle, unterwürfige, selbstgefährdende und/oder risiko-affine Anteile bzw. Impulse gehen. Manchmal können solche Impulse auch mit Bindungstraumata oder anderen belastenden Erfahrungen zusammenhängen. Oft haben sie eine Ressourcen-Seite, aber ein ungefiltertes Ausleben kann zum Problem für mich selbst und/oder mein(e) Gegenüber werden.

Aber auch wenn diese Impulse und Persönlichkeitsanteile mit gutem Grund nicht im Alltag ausgelebt werden, können Verwerfungsprozesse und (Selbst-)Verbote Spuren hinterlassen. Wenn es keinen aktiven Umgang mit den entsprechenden Impulsen gibt, kann es sein, dass sie sich unbewusst durch die Hintertür Raum nehmen oder dass die Unterdrückung der Impulse auf Dauer zu Belastungen führt (z.B. Depressionen, Aggressionen, Angespanntheit, wenig sexuelle Lust etc.).

Verschiedene BDSM-Praktiken bilden, wenn sie reflektiert eingesetzt und informiert sowie reflektiert ausgehandelt werden, eine Möglichkeit, verworfene oder alltagsproblematische Impulse, Begehren und Persönlichkeitsanteile auf allen angesprochenen Ebenen (Geschlecht und andere gesellschaftliche Ungleichheitsverhältnisse, Souveränitäts- und Kontrollnormen, Verwer­fung bzw. Unterdrückung zum früheren oder heutigen Selbst- und/oder Fremdschutz) (teilweise) zu integrieren. Sie können so in einen Kontext kanalisiert werden, in dem sie zugänglich werden, und dabei – wenn es gelingt – so lebbar sind, dass sie allen Beteiligten guttun.

Das kann dabei helfen, die entsprechenden Impulse aus der Verwerfung zu lösen, Belastungen sowie Situationen eines diffusen, unbewussten, nicht-greifbaren Durchbrechens dieser Impulse in den Alltag zu reduzieren, besser mit der ganzen Persönlichkeit präsent zu sein und bedürfnis­ge­rech­ter Wünsche und Grenzen auszuhandeln. Eine lustvolle (Teil-)Integration kann einen liebe­vol­le­ren Blick auf sich und andere ermöglichen, wenn das, was vorher problematisch besetzt war, einen Ort und einen Rahmen erhält, an bzw. in dem es zum gegenseitigen Lustgewinn eingesetzt werden kann. Und es kann ermöglichen, mehr emotionale und sexuelle Intensität zu erleben, wenn viele Anteile des Selbst und eigene Wünsche da sein dürfen und relevante Anteile des sexuellen Begehrens nicht unterdrückt werden, wenn also eine Verbotslogik in eine Gestaltungs­lo­gik überführt wird. (Selbstverständlich ist das nicht für alle Impulse und Anteile möglich, sondern nur für jene, die einvernehmlich mit einwilligungsfähigen Menschen oder alleine umsetzbar bzw. kanalisierbar sind.)

Dabei kann es z.B. um die Integration und einvernehmliche Kanalisierung verspielter, ‚kindi­scher‘, verletzlicher, schamhafter, emotional wenig geschützter, ängstlicher, distanzierter, aggressiver, kontrollierender oder dominanter Persönlichkeitsanteile, von Unterwerfungs- oder Dominanzwünschen, von Hingabe, Fürsorglichkeit, Kontrollverlust und Überschwang oder auch des Wunsches, nicht immer alle anderen mitdenken zu müssen oder nicht immer die Gestaltungs-Verantwortung zu haben, sowie um verworfene Kleidungswünsche etc. gehen.

Dies kann im Kink-Kontext in einem relativ gestaltbaren Rahmen stattfinden. Einige (nicht alle!) BDSM-Szenen bieten dabei ein reflexives Umfeld, in dem zumindest oft aufeinander geachtet wird, Reflexions-Inspirationen geteilt werden, emotionale Abstürze aufgefangen werden und ggf. auch Ratschläge für eine professionell therapeutisch begleitete Weiterarbeit gegeben werden, wenn unvermutet ein zu großes Fass aufgeht.

Deutlich wird aber auch, dass bei so persönlich tiefen Themen ein Risiko besteht, dass etwas schiefgehen kann und dass die Verleugnung dieser Risiken unter Verweis auf ein naives Verständ­nis von Freiwilligkeit problematische Konsequenzen haben kann. Auch die beste Kink-Praktik in der tollsten und reflektiertesten Szene kann keine eigentlich notwendige Psychotherapie erset­zen. Gerade wenn es um selbst- oder fremdgefährdende Persönlichkeitsanteile geht, halte ich eine psychotherapeutische Bearbeitung in den allermeisten Fällen für angeraten. Kinky Spiele damit sollten aus meiner Sicht auf ein relativ hohes Bewusstsein über die eigenen und gegensei­ti­gen Muster und damit verbundenen Risiken zurückgreifen können.

6.5 Pervertierende Subversion problematischer gesellschaftlicher Normen

An die Verwerfungs- und Transformationsthematik anschließend, haben Kink-Praktiken das Potenzial, problematische gesellschaftliche Normen in Bezug auf Heteronormativität, Sexismus sowie Männlichkeits- und Weiblichkeitsnormen wie auch in Bezug auf Mäßigung, Kontrolle und Souveränität durch Verdrehungen (Perversionen) zu unterlaufen (subvertieren) und dadurch neue Spielräume zu erschließen.

Dabei werden Praktiken aus ihrem Kontext gelöst, es werden einzelne entscheidende Faktoren verändert (z.B. Einvernehmlichkeit, Kontrolle, Mitgestaltung aller Beteiligten etc.), es wird spielerisch ent- und rekontextualisiert, es wird mit Mehrdeutigkeit gearbeitet (z.B. in einer Szene mit Machtgefälle die offenbleibende Frage, wer gerade eigentlich beschenkt oder verwöhnt wird; oder auch: Kontrollverlust findet in einem ziemlich kontrollierten Rahmen mit Sicherheits­netz statt). Es wird umgewertet und umgedeutet, es werden Dinge emotional anders besetzt. Es werden neue Möglichkeiten und Fähigkeiten u.a. körperlich spielerisch erprobt und angeeignet, die in manchen Fällen hilfreich mit in den Alltag genommen werden können, etc.

Dies beschreiben viele herrschaftskritische BDSMer*innen als eine Verschiebung von Macht, weg von einem Gefühl des Ausgeliefertseins in Bezug auf gesellschaftliche oder biografische Themen, hin zu mehr Selbstwirksamkeit, Gestaltungsfähigkeit und Lust. Schon der Fokus auf Lust für alle Beteiligten kann als Rekontextualisierung beschrieben werden. Oft wird die Verknüpfung zwi­schen gesellschaftlichen Missständen und individuell lustvollen Praktiken auch mit Humor bearbeitet. Sehr relevant ist für viele dabei die Aneignung von Handlungs- und Gestaltungs­fä­hig­keit bzw. Agency.

Dies kann sich einerseits auf Geschlechternormen und Heteronormativität beziehen, die in manchen Konstellationen und Praktiken offensichtlich unterlaufen werden, die aber auch in scheinbar traditionellen Konstellationen mit männlichem Top und weiblicher Bottom verschoben und lustvoll pervertiert werden können, u.a. durch Rekontextualisierungen, Aushandelbarkeit, Mehrdeutigkeit und Umdeutungen (z.B. je nach Praktik von Fragen von Kontrolle, mental load/immer alles mitdenken müssen, Beschenkt-Werden oder der Verteilung von Orgasmen).

Und es können Normen von Gleichförmigkeit sexueller Handlungen, Symmetrie und Synchronität in der Sexualität unterlaufen werden. (Die Beschreibung von BDSM als asynchrone Sexualität kenne ich von Norbert Elb, dessen Perspektiven ansonsten in vielerlei Hinsicht in Konflikt mit meinen stehen.)

Nicht zuletzt unterlaufen viele kinky Praktiken radikal die heteronormative Norm, der zufolge ‚normale‘ Sexualität möglichst nah an traditionell heterosexueller Fortpflanzung, also Penis-in-Vagina-Sex, orientiert sein soll und andere Praktiken maximal als Vorspiel, Ersatzhandlung, Expe­ri­ment oder Abenteuer vorkommen. Im kinky Kontext ist es immer Teil der Aushandlung, ob pene­trativer Sex überhaupt eine Rolle spielt und, falls ja, ob er im Fokus steht oder eine Handlung(s­op­tion) von vielen ist. Auch diesbezüglich finden wir also eine queerende Dezentrie­rung des erotischen bzw. sexuellen Spielfelds vor.

Texte zu weiteren Perspektiven zum Verhältnis von BDSM-Praktiken zu gesamtgesellschaftlichen Normen
  • Bauer, Robin (2004): SM, Gender Play und Body Modification als Techniken zur (Wieder-)Aneignung des eigenen Körpers, der eigenen Sexualitäten und Geschlechtsidentitäten. Anregungen für sexualpädagogische Diskussionen aus queer-feministischer Perspektive. In: Timmermanns, Stefan/Tuider, Elisabeth/Sielert, Uwe (Hrsg.): Sexualpädagogik weiterdenken. Postmoderne Entgrenzungen und pädagogische Orientierungsversuche. Weinheim: Juventa. S.241-262.
  • Bauer, Robin (2020): BDSM. In: Davy, Zowie/Santos, Ana Cristina/Bertone, Chiara/Thoreson, Ryan/Wieringa, Saskia (Hrsg.): The Sage Handbook of Global Sexualities. Thousand Oaks: Sage. S.337-362.
  • Bauer, Robin (2020): Interdisziplinäre Perspektiven auf BDSM aus queer-theoretischer Sicht. In: Timmermanns, Stefan/Böhm, Maika (Hrsg.): Sexuelle und geschlechtliche Vielfalt. Interdisziplinäre Perspektiven aus Wissenschaft und Praxis. Weinheim/Basel: Beltz Juventa. S.179-193.
  • Bauer, Robin (2022): Individuelle und kollektive Grenzerfahrungen – Dimensionen von BDSM als Spielwiese sexueller Bildungsmöglichkeiten. In: Böhm, Maika/Herrath, Frank/Kopitzke, Elisa/Sielert, Uwe (Hrsg.): Handbuch Sexuelle Bildung im Erwachsenenalter. Selbstbestimmt „sexuell werden“ – Sexualität und Erwachsenenbildung. Weinheim/Basel: Beltz Juventa. S.354–367.
  • Wagner, Elisabeth (2016): Arbeit an Grenzen. SM-Praktiken im Konflikt mit Normalitätsvorstellungen. In: Borkenhagen, Ada/Brähler, Elmar (Hrsg.): Wer liebt, der straft? Gießen: Psychosozial. S.45-62.
  • Woltersdorff, Volker (2016): Zur Dialektik von Lust und Tabu in Zeiten prekärer Geschlechterverhältnisse. In: Borkenhagen, Ada/Brähler, Elmar (Hrsg.): Wer liebt, der straft? Gießen: Psychosozial. S.113-128.
Mit deutlich anderen Perspektiven als der hier vertretenen
  • Elb, Norbert (2016): Promemoria zu asynchronen sexuellen Verhalten, Triebtätersyndrom, immateriellen und rematerialisierten Fetischen, Liebe/Erotik-Dilemma. In: Borkenhagen, Ada/Brähler, Elmar (Hrsg.): Wer liebt, der straft? Gießen: Psychosozial. S.97-112.

6.6 Dekonstruktive Fokusverschiebung von Denken in Norm und Abweichung sowie Normalitätsannahmen hin zu Gestaltbarkeit und Einvernehmlichkeit

Nicht zuletzt betrachte ich in BDSM-Szenen entwickelte Praktiken der Aushandlung und Gestaltbarkeit als eine emanzipatorische Fokusverschiebung:

Anstatt neue Normen ‚guter‘ bzw. ‚richtiger‘ oder ‚emanzipierter‘ Sexualität gegen alte Normen zu setzen, werden Gestaltbarkeit und Einvernehmlichkeit in den Fokus genommen. Und zwar sowohl mit einem individualistischen Blick auf Lustgewinn und Wohlbefinden der Einzelnen (zumindest im langfristigen Sinne, auch wenn teilweise bewusst situativ Schmerz etc. gesucht wird) als auch im kollektiven Sinne der Verhandlung und Diskussion in Szenen und Communities, die sich bemühen, aufeinander zu achten und sich in Beziehung zu anderen zu denken.

Ich betrachte dies als Teil einer größeren Bewegung, u.a. im Kontext queerer und feministischer Impulse: Emanzipation wird in diesen dekonstruktiven Ansätzen aus Ideen von Norm und Abwei­chung in Bezug auf die Lebensstile der Einzelnen herausgelöst. Stattdessen werden reflexiv Kon­se­quen­zen verschiedener Optionen abgewogen und individuelle Verschiedenheit wird durch einen Fokus auf Gestaltbarkeit und Aushandelbarkeit gewürdigt. Dennoch werden klare Grenzen dort gezogen, wo eigene Wünsche schädigend in die Leben anderer eingreifen. Und es wird anerkannt, dass solche Ansätze nie darum herumkommen, die Grauzone zwischen dem Aushandelbaren und den Grenzen immer neu abzuwägen und zu verhandeln.

6.7 Katharsis

Oft beschreiben kinky Menschen Spiele mit intensivem körperlichem und/oder psychischem Schmerz oder mit den Dingen, vor denen sie besonders viel Angst haben, auch als kathartisch. Danach fällt viel Spannung ab und es tritt für viele ein intensives Wohlgefühl ein. Dabei variiert, wieviel Nähe durch solche kathartischen Sessions zwischen den Beteiligten entsteht, ob sie viel Intimität schaffen oder eher ein relativ selbstbezogenes Erlebnis sind.

Ich siedele Katharsis an dieser Stelle an, weil sie einerseits relevant im Umgang mit gesellschaft­lich verursachtem Schmerz sein und auch z.B. Verletzlichkeit, Tränen, Schmerz, Wut, Verzweif­lung, Provokation, Aufbegehren etc. erlauben kann, die sonst aus gesellschaftlichen Gründen wenig Raum erhalten. Andererseits kann es dabei aber auch einfach um ein persönliches intensives Erleben oder den Umgang mit persönlichen Spannungen und Gefühlen gehen.

6.8 Lustgewinn, Impulsivität und Intimität

Last but not least würden viele kinky Menschen von sich sagen, dass sie Kink ohne besonderen Blick auf Gesellschaft ausüben, einfach zum Lustgewinn, weil sie das eigene Begehren zu entspre­chen­den Interaktionen zieht, aus Lust an spielerischem, experimentellem Sex bzw. an intensiven Erlebnissen und Intimitäten.

Einzuwenden ist, dass viele der Bilderwelten, mit denen im Kink gespielt wird, offensichtlich nicht fern dieser Gesellschaft und ihrer Geschichte stehen. Dennoch ist aus meiner Sicht ein spieleri­scher Umgang mit ihnen möglich, der tatsächlich einfach den Lustgewinn aller Beteiligten fokus­siert, ohne größere politische Konsequenzen etc. zu haben. Und dabei achtsam und risikobe­wusst mit Schädigungspotenzialen umgeht. Es muss in der persönlichen Lust ja nicht immer um Gesellschaft gehen.

BDSM-Praktiken können es ermöglichen, Impulsen nachzugehen, die im Alltags-Ich wenig Raum haben. Das kann einerseits Intensität ermöglichen, zum anderen auch das Gefühl befördern, mit dem ganzen Ich da und willkommen zu sein. Es kann Intimität herstellen und es ermöglichen, andere tief zu berühren und selbst berührbarer zu sein, auch durch das Zugänglich-Machen verletzlicher Persönlichkeitsanteile (im Übrigen empfinden viele Menschen, denen im Alltag Gewaltfreiheit und Augenhöhe wichtig ist, es insbesondere in den ersten Jahren als besonders verletzlich, sich mit aggressiven und dominanten Impulsen zu zeigen). Und es kann (Selbst‑)Wirk­samkeits-Erfahrungen ermöglichen.

Aber es kann auch einfach intensiv erregend sein oder ganz banal Spaß machen (mehr Hinweise dazu, was an Kink berührend sein oder Spaß machen kann, finden sich in Artikel 1.2 Was kann an BDSM lustvoll sein?). Nicht alles muss einen gesellschaftlichen, politischen oder persönlichkeits­ent­wickeln­den Sinn haben. Dieser Aussage schließe ich – ironischerweise – an, dass gerade ein Fokus auf zweckfreie Lust ohne protestantischen (Psycho-)Arbeits-Ethos etc. in kapitalistischen Gesellschaften subversives Potenzial haben kann.

6.9 Fazit

In der folgenden Grafik sind die wichtigsten Aspekte dieses Artikels zusammengefasst. Dabei sind die Kästen mit abgerundeten Ecken Unterpunkte zu den farblich gleichen eckigen Kästen. Die eckigen Kästen können jeweils als Aspekt für sich betrachtet werden. Die eingezeichneten Verbindungsstriche, die zugegebenermaßen auch verwirrend sein können, sollen Querverbindun­gen zwischen Aspekten aufzeigen. Wenn sie zu verwirrend sind, können sie gerne ignoriert werden. Der Hauptzweck dieser Grafik ist, die in den verschiedenen Unterkapiteln genannten Aspekte zusammenzuführen.

Zunächst: Die folgende Grafik gibt nur Aspekte wieder, die bereits in den vorherigen Kapiteln genannt wurden. Insbesondere die vielen Verbinder zwischen vielen Kästen sind auch für sehende Menschen verwirrend und ich bin nicht sicher, ob es einen Mehrwert bringt, die Informationen aus der Grafik anzuhören, aber aus Inklusionsgründen bemühe ich mich trotzdem um eine Beschreibung. In der Mitte der Grafik steht in einem orangen Kreis als Überschrift: Mögliche Einordnungen von BDSM-Praktiken aus herrschaftskritischer Perspektive Darum herum sind vor allem eckige Kästen in verschiedenen Farben angeordnet. Zum Teil sind diesen dann Kästen mit abgerundeten Ecken in der gleichen Farbe zugeordnet. Sehr viele Kästen sind mit Strichen verbunden. Oben rechts ist ein grüner Kasten, in dem steht: Normkonformität: Reproduktion gesamtgesellschaftlicher Normalisierung ungleicher Zugänge zu Macht, Achtung, Gestaltungsfähigkeit; sexuelle Leistungsfähigkeit. Unter diesem Kasten sind zwei Kästen mit abgerundeten Ecken im gleichen Grünton. Alle drei grünen Kästen sind miteinander verbunden. Im linken Kasten steht: Abwehr kritischer Befragungen von z.B. sexistischer Ungleichheit und Gewalt in Beziehungen. Im rechten Kasten steht: Stabilisierung selbst- bzw. fremd-schädigender Muster. Nur dieser rechte Kasten ist mit einem weiteren Kasten verbunden, nämlich dem Folgenden. Darunter ist ein türkiser Kasten, in dem steht: Reaktion auf Belastungen bzw. Traumatisierungen – schädigend, empowernd, transformativ und/oder neutral. Er ist u.a. verbunden mit dem Kasten Stabilisierung selbst- bzw. fremdschädigender Muster und vielen weiteren Kästen, zu denen die Verbindungen gleich genannt werden. Darunter ist ein hellblauer Kasten mit dem Text: Transformation und positive Gegenerfahrungen – u.a. transformatorische Aufarbeitung biografischer Schädigungen. Er ist mit allen umliegenden blauen und türkisen Kästen verbunden. Darunter ist ein indigoblauer Kasten mit dem Text: (Teil-)Integration & Kanalisierung verworfener bzw. problematischer Persönlichkeitsanteile/Impulse – Pfeil – Form, die allen Beteiligten guttut. Diesem sind drei gleichfarbige Kästen mit abgerundeten Ecken zugeordnet. Im Linken steht: aufgrund von Souveränitätsnormen verworfen. Im Mittleren steht: aufgrund von Heteronormativität, Sexismus etc. verworfen. Im Rechten steht: für Fremd- bzw. Selbstschutz. Die vier indigoblauen Kästen sind unter anderem mit dem vorgenannten hellblauen Kasten zu Transformation und Gegenerfahrungen und dem türkisen Kasten Reaktion auf Belastungen bzw. Traumatisierungen verbunden und mit weiteren, die noch genannt werden. Auf der linken Seite ist oben ein roter Kasten mit dem Text: Lustgewinn und Raum, eigenen Impulsen freier nachzugehen und ganz da zu sein. Dieser ist mit allen der im Folgenden genannten Kästen außer dem letzten verbunden. Rechts daneben ist ein hellroter Kasten, in dem steht: Intimität, sehr tief berührbar sein und berühren, Zulassen von Verletzlichkeit. Dieser ist mit dem vorgenannten und dem folgenden und übernächsten pinken Kasten verbunden. Rechts darunter ist ein hellpinker Kasten, in dem steht Lust mit dem, was da ist. Dieser ist mit den beiden vorherigen Kästen zu Lustgewinn und Intimität verbunden und mit dem türkisen Kasten zu Reaktionen auf Belastungen bzw. Traumatisierungen. Darunter ist ein dunkelroter Kasten, in dem Katharsis steht. Dieser ist mit dem Kasten Lustgewinn, dem türkisen Kasten Reaktion auf Belastungen und dem indigoblauen Kasten Teil-Integration & Kanalisierung verbunden sowie mit dem übernächsten lila Kasten. Links daneben ist ein mittelpinker Kasten mit dem Text: Fokusverschiebung von Normalitätsannahmen / Skripten, wie ‚richtiger‘ Sex funktionieren soll, hin zu Gestaltbarkeit und Einvernehmlichkeit – Pfeil – neuer Maßstab: Lust und langfristiges Wohlbefinden. Dieser ist mit den roten Kästen Lustgewinn und Intimität, dem folgenden lila Kasten und dem letzten hell-lila Kasten verbunden. Darunter ist ein lila Kasten mit dem Text: Subversion gesellschaftlicher Mäßigungs- und Kontrollnormen, je nach Rolle und Ausgestaltung auch von Souveränitätsnormen. Dieser ist mit den vorgenannten Kästen Lustgewinn, Intimität, Katharsis und Fokusverschiebung, dem indigoblauen Kasten mit abgerundeten Ecken zur Teil-Integration und Kanalisierung von aufgrund von Souveränitätsnormen verworfenen Persönlichkeitsanteilen/Impulsen sowie den folgenden beiden letzten Kästen verbunden. Darunter ist ein lila-pinker Kasten, in dem steht: Kontroll- und Mäßigungsverlust mit Sicherheitsnetz. Dieser ist nur mit dem vorgenannten Kasten zur Subversion gesellschaftlicher Mäßigungs- und Kontrollnormen verbunden. Ganz unten links ist ein hell-lila Kasten mit dem Text: pervertierende Subversion von Normen und Ungleichheit u.a.: Lustgewinn aller Beteiligten; Aneignung von Handlungsfähigkeit. Dieser ist mit den Kästen zur Subversion gesellschaftlicher Mäßigungs- und Kontrollnormen und zur Fokusverschiebung von Normalitätsannahmen und Skripten verbunden.
Grafik: Mögliche Einordnungen von BDSM-Praktiken aus herrschaftskritischer Perspektive

Grafik & Konzept: Katharina Debus

Ich habe mich in diesem Artikel mit der Frage beschäftigt, ob BDSM rebellisch gesellschaftliche Normen subvertiert und/oder Ausdruck gesellschaftlicher Machtungleichheiten ist.

In Abgrenzung vom Entweder-Oder dieser Debatten hat aus meiner Sicht BDSM das Potenzial, ein vierter Ort bzw. ein Zwischenraum zwischen drei hegemonialen Diskursen zu sein: Meines Erachtens finden wir in dieser Gesellschaft drei konkurrierende Normalitätsannahmen vor. Einerseits hat sich als Resultat feministischer und anderer herrschaftskritischer Bewegungen in einigen Lebenswelten und Diskursräumen ein Ideal von Augenhöhe, Symmetrie und Synchronität in Sexualität und Partnerschaften durchgesetzt. Andererseits werden weiterhin Machtgefälle und soziale Ungleichheit normalisiert und auch jenseits einvernehmlich ausgehandelter BDSM-Praktiken erotisiert. Nicht zuletzt haben wir es gesellschaftlich mit einem Ideal von Kontrolle, Souveränität und Mäßigung auch in der Sexualität zu tun. Ob BDSM einer dieser Richtungen zugeschlagen und damit als ‚normal‘, als ‚Anderes‘ oder als problematisch verstanden wird, hängt oft auch mit der Gesellschaftsanalyse und Intention der Zuordnenden zusammen.

Im Sinne von Dekonstruktion, also einer Bewegung die dichotome Einteilungen in Entweder-Oder kritisch befragt, Grenzen verschiebt, Ambivalenzen anerkennt und neue Räume schafft, begreife ich BDSM-Praktiken als potenziell verortet in einem Zwischenraum zwischen diesen drei Diskursen: BDSM hat das Potenzial, einen Raum zu schaffen, in dem Gebote von Symmetrie und Synchronität ausgesetzt werden können, aber nicht als Teil einengender Normalitätsannahmen oder der Reproduktion gesellschaftlicher Ungleichheit, sondern gerade dann, wenn dies unter allen Beteiligten zum Zwecke ihres Lustgewinns bzw. zur Verfolgung anderer Bedürfnisse ausge­han­delt wird und immer flüssig und verhandelbar bleibt. Wenn alles gut geht, kann BDSM in diesem Sinne eine Möglichkeit sein, einen aktiven und selbstbestimmten Umgang mit gesell­schaft­lich erotisierten Machtungleichheiten zu entwickeln und Normalitätsannahmen z.B. im Kontext von rape culture zu hinterfragen (u.a. „Wer a sagt, muss auch b sagen“) und positive Gegenerfahrungen dazu zu schaffen.

In einer Gesellschaft, die einerseits allen Menschen abverlangt, autonomes Subjekt zu sein, dabei unterschiedliche und sexistische Zuweisungen an Männer und Frauen vornimmt und weitere Geschlechtlichkeiten immer noch stigmatisiert; die zudem in fast allen Lebensbereichen Kontrolle und Mäßigung verlangt; kann BDSM es auch ermöglichen, verworfene Persönlichkeits­an­tei­le und Impulse in einer Weise zu integrieren, die weder selbst- noch fremdschädigend ist, sondern dem allseitigen Lustgewinn dient. Robin Bauer (2014: Queer BDSM Intimacies) spricht als Gegenpol zur Mäßigung und Einhegung von Sexualität in eine eng verstandene Privatsphäre in Bezug auf BDSM von exuberant intimacies, also überschwänglichen Intimitäten.

Allerdings sind die Grenzen zwischen diesen Polen und Räumen permeabel (also: durchlässig). BDSM-Diskurse können anfällig sein für Instrumentalisierungen zur Immunisierung gegen die kritische Befragung von Gewalt sowie gesellschaftlicher Ungleichheit und ihrer Auswirkungen im Privaten ebenso wie für die Stabilisierung selbst- und fremdschädigender Muster. Andererseits berichten viele Praktizierende von transformativen Erfahrungen, in denen durch BDSM und eine Community-Sozialisation schädigende Muster durchbrochen wurden. Es gilt also, genau hinzuschauen.

Nicht zuletzt beschreibt BDSM eine Vielzahl körperlicher und emotionaler Erfahrungen, die mehrdeutig sind und sich nicht einfach politisch und kognitiv einhegen lassen. Auch mein Unterfangen hier, grobe Einordnungen vorzunehmen, kann nur als Anregung zu eigenen Reflexionen verstanden werden. Alle angebotenen Einordnungen werden gegenüber den individuellen Erfahrungen immer brüchig sein, ebenso wie die persönlichen Deutungen und Beschreibungen, die immer auch einhegende Interpretationen sind.

7 Vanilla-Sex (also: Nicht-BDSM) – Macht – Gesellschaft

Katharina Debus

Für Quereinsteiger*innen in diese Artikelserie:

Der Begriff ‚Vanilla‘ wurde in BDSM-Szenen entwickelt, um sexuelle Praktiken und Begehren zu beschreiben, die nicht als BDSM bzw. kinky gelten, also nicht einvernehmlich mit Macht, Schmerz und/oder Bewegungseinschränkung, Fetischen etc. spielen. Der Begriff wird damit begründet, dass Vanille die beliebteste Speise-Eis-Sorte sei. Er stellt eine Alternative zu stigmatisierenden Unterscheidungen zwischen kinky und ‚normalem‘ Sex dar.

Im folgenden Artikel diskutiere ich, entlang der in Artikel 4 Sexualität in herrschaftsförmigen oder freieren Gesellschaften: (In-)Fragestellungen und Wissen um das eigene Nicht-Wissen aufgeworfenen Fragestellungen, wie sich Vanilla-Sex in die in Artikel 5 Gesellschaftliche Normen rund um Sexualität, (A)symmetrie und Macht – nicht nur interessant rund um BDSM beschriebenen gesellschaftlichen Normen einordnen lässt bzw. lassen könnte. Ich rate daher, Artikel 5 vor diesem zu lesen oder ggf. ersatzweise die kurze Zusammenfassung in der Einleitung der bei BOYkott erschienenen Kurzfassung dieser Artikelserie [3]. Artikel 4 ist auch relevant, um meine Grundhaltung zu diesen Fragen zu verstehen, aber keine nötige Voraussetzung zum Verständnis des folgenden Artikels.

Ich beziehe mich im folgenden Artikel an verschiedenen Stellen vergleichend auf Artikel 6 BDSM gesellschaftliche Normen und internalisierte Unterdrückung, beide Artikel können aber alleinstehend unabhängig voneinander gelesen werden.

Eine Problematik des Denkens in Norm und Abweichung [4] ist es, nur das, was als Abweichung konstruiert wird, kritisch zu reflektieren. Dies hat mindestens zwei problematische Auswirkun­gen: Einerseits trägt kritische Reflexivität zur Stigmatisierung des als Abweichung Konstruierten bei, wenn sie nur in eine Richtung gelenkt wird, und kann dann im Umkehrschluss zu Abwehr von Reflexivität bei denen führen, die von dieser Stigmatisierung getroffen werden. Und andererseits werden denen, die sich näher an der Norm bewegen, inspirierende Impulse und Reflexionsange­bo­te vorenthalten. Aus der Queer Theory und anderen kritischen Arbeiten zu Konstruktionen von Norm und Abweichung kommen wichtige Impulse, Reflexivität in alle Richtungen zu lenken.

Aus diesem Grund beschäftige ich mich im Folgenden mit möglichen Verschränkungen von Vanilla-Praktiken mit den in Artikel 5 beschriebenen gesellschaftlichen Normen rund um Sexualität, Macht und Ungleichheit sowie mit persönlichen Belastungserfahrungen und Traumatisierungen. Ich halte diesen Teil kürzer, da der Fokus der Artikel-Anfrage auf BDSM lag.

Bewusst gehe ich hier vor wie im vorangegangenen BDSM-Artikel und starte mit den negativsten Optionen, um mich dann zu transformatorischen Wirkungen vorzuarbeiten und zum Schluss dazu zu kommen, dass es auch bei Vanilla-Sex ganz einfach um Lust gehen kann. Und auch hier schließe ich mit einem Fazit mit einer zusammenfassenden Grafik. Wen dieses Vorgehen irritiert, könnte darüber reflektieren, ob der Aufbau des BDSM-Artikels in gleichem Maße irritiert. In diesem Fall könnte das damit zu tun haben, dass ein problematisierender oder politisierender Blick auf Sexualität dem eigenen Herangehen widerspricht. Ist die Irritation bei diesem Artikel hingegen größer als beim vorangegangenen, könnte es interessant sein, sich zu fragen, ob dies damit zu tun haben könnte, selbst Vanilla-Sex zu normalisieren und entpolitisieren sowie einen (zumindest leicht) stigmatisierenden Blick auf BDSM/Kink zu werfen – was nicht verwunderlich wäre, weil es verbreitete Sichtweisen in dieser Gesellschaft spiegelt und daher oft unbewusst übernommen wird.

Ich gehe im Folgenden auf Grundlage verschiedener sexualitätsbezogener Studien davon aus, dass sehr viele Menschen zumindest gelegentlich kinky Impulse und Fantasien haben, sie aber nicht praktisch realisieren. Ich will dabei nicht normativ setzen, dass jeder Impuls und jede Fantasie in die Tat umgesetzt werden sollte. Ein Filter kann wichtig sein, um uns oder andere zu schützen. Und auch jenseits von Schutz sind manche Dinge persönlich einfach ein Fantasie- und kein Praxis-Thema. (Das gilt im Übrigen auch für kinky Menschen, die nicht jede Fantasie in die Praxis umsetzen wollen.) Darüber hinaus gibt es selbstverständlich Menschen, die keine kinky Impulse und Fantasien haben und für die sich daher die Praxisfrage sehr viel weniger stellt. In den ersten Unterkapiteln beschäftige ich mich mehr mit Situationen, in denen Menschen durchaus kinky Impulse haben bzw. hatten, diese aber nicht in die Tat umsetzen, während die späteren Unterkapitel sich auf alle beziehen.

Das komplette Spektrum zwischen einem ausschließlichen Vanilla-Fokus und einer stark ausge­präg­ten BDSM-Neigung ist selbstverständlicher Teil menschlicher Vielfalt in Bezug auf Sexualität, ebenso wie unterschiedliche Ausprägungen zwischen hohem sexuellem Interesse und der kom­plet­ten Abwesenheit sexuellen Begehrens. Weder das eine noch das andere ist aus meiner Sicht problematischer, cooler, normaler, interessanter, langweiliger, braver, rebellischer etc. Relevant ist, was allen Beteiligten guttut. Dieser Artikel will diesbezüglich Reflexionsanregungen geben.

7.1 Verschleierung von Machtgefällen und Beziehungsgewalt

In einer von u.a. Sexismus, Heteronormativität, Zweigeschlechtlichkeit und anderen Formen der Ungleichheit, wie u.a. Klassismus, Rassismus, Ableismus, Adultismus, Ageismus, Lookismus, Antisemitismus etc., geprägten Gesellschaft wie dieser, sind die meisten Beziehungen von nicht-konsensueller Machtungleichheit geprägt und Beziehungsgewalt ist ebenfalls weit verbreitet. Beides kann mehr oder weniger offensichtlich bzw. subtil auftreten und ist ebenso Teil von Vanilla- wie von BDSM-Praktiken und -Beziehungen.

Da in vielen vanilla Lebenswelten weniger über Macht, Wünsche und Grenzen reflektiert wird, kann es auch hier spezifische Schwierigkeiten geben, Schieflagen zu erkennen, zu benennen und zu thematisieren. Dies gilt insbesondere, wenn diese Schieflagen entweder gesellschaftlichen Normalitätserwartungen entsprechen (z.B. im Sexismus durch Sprüche wie „Männer sind halt so!“). Oder auch wenn sie erwartungswidrig sind und nicht in bestimmte Bilder passen (z.B. Beziehungsgewalt in queeren Beziehungen oder durch Frauen gegenüber Männern).

In Lebenswelten, in denen Machtgefälle besonders tabuisiert sind (z.B. in bestimmten linken oder feministisch geprägten Lebenswelten), kann diese Tabuisierung Aushandlungen und Reflexionen erschweren, wenn Menschen ihre eigene Verstricktheit nicht wahrhaben wollen, unterschätzen oder ihr Machthandeln strategisch verschleiern. Dies kann zu Verleugnungs-Verhalten und ggf. auch zu Gaslighting führen (also dass einer Person, die ein Problem bzgl. des Handelns des Gegenübers anspricht, vermittelt wird, dass ihre Wahrnehmung nicht stimme und – in der Steigerung – dass sie verrückt sei).

So, wie es also spezifische Risiken in BDSM-Praktiken und -Lebenswelten gibt, haben wir es auch in Vanilla-Kontexten mit spezifischen Risiken zu tun, die bewusst reflektiert werden sollten.

7.2 Normkonformität, Sorge vor Stigmatisierung und ideologische Gründe

Auch bei einer Entscheidung, ausschließlich Vanilla-Sexualität zu leben, kann es um Normkonfor­mi­tät gehen – entweder in Bezug auf gesamtgesellschaftliche oder in Bezug auf lebensweltliche Normen (z.B. in einer Szene oder Community, die BDSM skeptisch gegenübersteht). Möglicher­weise werden Normen von Mäßigung, Kontrolliertheit und allzeitiger Souveränität reproduziert und/oder Normen, die Gleichheitsprinzipien in die Anforderung einer symmetrischen und synchronen Sexualität übersetzen anstatt in Aushandlung und Gestaltungsfähigkeit.

Nicht selten wird Menschen auch die Botschaft vermittelt, dass kinky Praktiken immer selbst- oder fremdschädigend seien und es gesünder bzw. ethischer sei, entsprechende Impulse zu unterdrücken [5]. Besonders fatal kann dies sein, wenn es in Vertrauens- bzw. Autoritätsverhältnis­sen wie z.B. durch Psychotherapeut*innen, Ärzt*innen oder Pädagog*innen geschieht. Immer wieder werden diese Glaubenssätze ins eigene Selbstkonzept übernommen, obwohl die Begeh­ren weiterhin vorhanden sind. Nicht selten führt dies zu Selbsthass, Selbstzweifeln und oft zu verzögerten Coming-Out-Prozessen. Aber auch weniger explizit kann dies geschehen, wenn Menschen der Zugang zu Informationen fehlt, ihre Begehren anders denn als Wünsche nach Fremd- oder Selbstschädigung einzulesen, oder dazu, wie sie diese einvernehmlich und innerhalb des Risikoprofils aller Beteiligten umsetzen könnten.

Bei Menschen, die kinky Impulse haben (könnten), können also sowohl die Internalisierung der oben genannten Normen (also ohne bewusste Entscheidung) als auch die Sorge vor Stigmatisie­rung (gesamtgesellschaftlich oder lebensweltlich) und/oder politische Gründe dazu führen, diese Begehren entweder gar nicht erst wahrzunehmen oder aber zu unterdrücken bzw. sich ihrer zu schämen.

7.3 Reaktion auf Belastungen bzw. Traumatisierungen

Bei Menschen, die kinky Impulse haben (könnten) oder früher hatten, kann die Entscheidung bzw. das Begehren, ausschließlich Vanilla-Sex zu praktizieren, auch eine Reaktion auf Belastun­gen bzw. Traumatisierungen sein. In diesem Unterkapitel geht es um mögliche Faktoren in solchen Konstellationen und nicht um Menschen, denen kinky Impulse uninteressiert fernliegen.

Belastungen und Traumatisierungen können das eigene sexuelle Repertoire und, je nach Aufstellung des eigenen Begehrens, auch die eigene sexuelle Befriedigung einschränken. Im Kontext der hier diskutierten Fragestellung kann dies u.a. dazu führen, dass kinky Begehren unterdrückt und verworfen werden. Besonders problematisch kann dies für Menschen sein, die bei Vanilla-Sex z.B. aufgrund von Symmetrie- und Synchronitäts-Anordnungen nicht viel Befriedigung erleben, weil diese nicht gut zu ihrem Begehren passen.

Eine solche Einschränkung des eigenen Repertoires kann unter anderem darin begründet liegen, dass bestimmte Praktiken Trauma-Reaktionen triggern oder Erinnerungen an belastende Erlebnisse aufrufen können. Dann kann es notwendig bzw. sinnvoll sein, entsprechende Auslöser zu vermeiden – dauerhaft oder zeitweise im Verarbeitungsprozess.

Schlechte persönliche, gesellschaftliche und/oder Community-spezifische Erfahrungen können auch dazu führen, sich selbst nicht ausreichend zu vertrauen, z.B. der Fähigkeit eigene Grenzen zu erkennen und rechtzeitig zu setzen oder achtsam mit den Grenzen anderer Menschen umzu­ge­hen. Beide Misstrauen können berechtigt sein. Es ist dann eine Frage der Abwägung, ob ich an Weiterentwicklung arbeiten will und/oder zeitweise oder dauerhaft lieber kinky Impulsen nicht nachgehen will oder sollte.

Schlechte Erfahrungen können nicht zuletzt auch dazu beitragen, anderen Menschen nicht ausreichend zu vertrauen, um sich z.B. auf Spiele mit Macht, Schmerz oder Bewegungseinschrän­kung mit ihnen einzulassen. Dies kann in der Sorge begründet liegen, dass sie entweder diese Macht missbrauchen würden oder ihre eigenen Grenzen nicht wahrnehmen und setzen können und es dadurch zu Schädigungen bei mir oder der anderen Person kommen könnte. Außerdem kann eine Sorge vor Stigmatisierung für kinky Begehren dazu führen, bestimmte Wünsche gar nicht erst zu äußern. Je nach Lebenswelt und Gegenüber können all diese Varianten von Misstrauen gerechtfertigt und für den Selbst- und/oder Fremdschutz notwendig sein.

Nicht immer ist es falsch, vorhandene kinky Impulse zu unterdrücken bzw. in den Bereich der Fantasien zu kanalisieren. Das kann je nach Situation und eigenen Prioritäten eine sinnvolle oder notwendige Entscheidung sein. Aber es gibt auch Situationen, in denen das kostspielig für ein befriedigendes Sex-Leben und die Offenheit für andere ist und in denen es bessere Alternativen gäbe. Das gilt es je konkret abzuwägen. Jedenfalls kann auch eine Entscheidung für Vanilla-Sex ebenso mit persönlichen Belastungs- und Traumatisierungserfahrungen zu tun haben wie eine Entscheidung für kinky Praktiken.

7.4 Lust mit dem, was da ist

Ein Fokus auf Vanilla-Praktiken kann auch, wie bereits für BDSM beschrieben, Teil eines Umgangs mit schlechten Erfahrungen sein, der weder Probleme reproduziert noch transformativ wirkt, sondern einfach Lust mit dem genießt, was gerade da ist. So können schlechte Erfahrungen möglicherweise dazu führen, dass sich z.B. kinky Impulse zurückziehen, dass die Person aber Vanilla-Sex als sehr lustvoll erlebt und das einfach genießt.

Auch hier gilt: Lust kann auch einfach da sein, ohne dass sie in irgendeiner Form Probleme adressieren oder Dinge verändern muss.

7.5 Transformation schmerzhafter bzw. schädigender Erfahrungen und positive Gegenerfahrungen

Auch ein Fokus auf Vanilla-Sex kann im Umgang mit schlechten Erfahrungen transformativ und heilsam wirken und zu positiven Gegenerfahrungen führen. Z.B. kann es eine Wiederaneignung von Handlungsfähigkeit und damit empowernd sein, wenn Menschen sich positive Gegenerfah­run­gen von Grenzachtung und z.B. Zärtlichkeit oder Behutsamkeit schaffen, indem sie Macht, Schmerz etc. aktiv aus dem eigenen Sexleben ausklammern.

7.6 Entschleunigung und Widerstand gegen sexuellen Leistungsdruck

Ein Fokus auf Vanilla-Sex kann widerständig sein gegen gesellschaftliche Anforderungen in bestimmten Lebenswelten bzw. in bestimmter Pornografie, sexuell immer abenteuerlustig, experimentell und leistungsfähig bzw. handlungsorientiert zu sein. Eine bestimmte Form von Vanilla-Fokus kann diesen Anforderungen eine Qualität von Entschleunigung entgegensetzen.

7.7 Subversion der gesellschaftlichen Normalisierung von Machtungleichheit

In diesem und auch in einem weiteren Sinne kann ein Fokus auf Vanilla-Sex subversiv gegen bestimmte gesellschaftliche Normen sein: Wenn alle Beteiligten sehr aktiv bewusste und unbewusste Machtdynamiken reflektieren, kann Vanilla-Sex neben Leistungsnormen auch gesellschaftliche Normalisierungen von Machtungleichheit subvertieren, u.a. entlang von Geschlechternormen, und den eigenen Sex so weit von gesellschaftlicher und situativer Macht und Gewalt befreien, wie das in einer herrschaftsförmigen Gesellschaft möglich ist.

7.8 Lustgewinn und eigenen Impulsen nachgehen

Nicht zuletzt ist auch Vanilla-Sex nicht nur und nicht immer erklärungsbedürftig politisch. Ein Vanilla-Fokus kann ganz einfach darin begründet liegen, dass bestimmte Menschen nur oder vorrangig sexuelle Impulse haben, die dem Vanilla-Spektrum zuzuordnen sind und diese als sehr lustvoll und erfüllend empfinden. Nicht alles muss politisch sein oder problematisiert werden.

7.9 Fazit

Auch Vanilla-Sex kann sich also im vollen Spektrum zwischen Normkonformität, Reproduktion problematischer Machtgefälle, Reaktionen auf Belastungen, positiver Transformation und Subversion problematischer gesellschaftlicher Normen und persönlicher Erfahrungen bzw. Belastungen und einfachem Lustgewinn bewegen. Auch im Vanilla-Spektrum lohnen sich daher Selbstreflexion und gemeinsame Erforschung der eigenen Begehren und Interaktionsmuster. Ich hoffe, dass die Reflexionsfragen im folgenden Artikel dazu anregen können.

Wie bereits im vorangegangenen Artikel fasst die folgende Grafik die verschiedenen genannten Punkte zusammen. Auch hier sind die Kästen mit abgerundeten Ecken Unterpunkte zu den gleichfarbigen eckigen Kästen. Querverbindungen zwischen den Themen sind durch Striche markiert, können aber auch ignoriert werden, wenn sie zu verwirrend sind.

Zunächst: Die folgende Grafik gibt nur Aspekte wieder, die bereits in den vorherigen Kapiteln genannt wurden. Insbesondere die vielen Verbinder zwischen vielen Kästen sind auch für sehende Menschen verwirrend und ich bin nicht sicher, ob es einen Mehrwert bringt, die Informationen aus der Grafik anzuhören, aber aus Inklusionsgründen bemühe ich mich trotzdem um eine Beschreibung. In einem orangen Oval in der Mitte steht als Überschrift: Mögliche Einordnungen von Vanilla-Sex aus herrschaftskritischer Perspektive. Darum herum sind Kästen in verschiedenen Farben angeordnet. Zwei Kästen sind jeweils zwei Kästen mit abgerundeten Ecken in der gleichen Farbe zugeordnet. Zwischen viele Kästen gibt es Striche als Verbinder. Oben rechts ist ein grüner Kasten mit dem Text: Verschleierung (evtl. subtiler) gesellschaftlich normativer oder erwartungswidriger Machtgefälle und von Beziehungsgewalt durch Nicht-Besprechung. Dieser Kasten ist mit keinem anderen Kasten verbunden. Darunter sind zwei türkise Kästen, zwischen denen zwei türkise Kästen mit abgerundeten Ecken liegen. Alle vier Kästen sind miteinander verbunden. Im oberen türkisen Kasten steht: Normkonformität: gesellschaftliche oder lebensweltliche Normen. Im unteren türkisen Kasten steht: Unterdrückung eigener Impulse bzw. Wünsche aus Sorge vor Stigmatisierung, als Ergebnis der Internalisierung von Normen oder aus ideologischen Gründen. In den dazwischen liegenden gleichfarbigen Kästen mit abgerundeten Ecken steht links: Reproduktion von Normen von Mäßigung und Kontrolle. Und rechts: Reproduktion von Normen von Symmetrie und Synchronität. Unter dem Kasten Unterdrückung eigener Impulse bzw. Wünsche aus Sorge vor Stigmatisierung, als Ergebnis von Normen oder aus ideologischen Gründen liegt ein hellblauer Kasten mit dem Text: Unterdrückung oder Verwerfung eigener Impulse bzw. Wünsche u.a. aus begrenztem Vertrauen in sich selbst oder andere. Dieser Kasten ist mit dem vorgenannten zur Unterdrückung und dem folgenden Kasten verbunden. Darunter liegt ein indigoblauer Kasten, in dem steht: Reaktion auf Belastungen bzw. Traumatisierungen – empowernd, transformativ, einschränkend und/oder neutral. Dieser ist mit dem vorgenannten und den folgenden beiden Kästen verbunden. Links oberhalb dieses Kastens liegt ein pinker Kasten, in dem steht: Lust mit dem, was da ist. Dieser ist mit dem vorgenannten Kasten und dem letzten roten Kasten verbunden. Darunter liegt ein hell-lila Kasten, in dem steht: Transformation & positive Gegenerfahrungen – u.a. transformatorische Aufarbeitung biografischer Schädigungen. Dieser ist mit dem indigoblauen Kasten Reaktion auf Belastungen bzw. Traumatisierungen und den folgenden beiden lila Kästen verbunden. Links unten ist ein dunkellila Kasten mit dem Text: Entschleunigung und Widerstand gegen sexuellen Leistungsdruck bzw. Anforderungen sexueller Abenteuerlust und Experimentierfreude. Dieser ist mit dem vorgenannten Transformationskasten und den folgenden beiden letzten Kästen verbunden. Darüber, in der Mitte links, liegt ein lila-pinker Kasten mit dem Text Subversion der gesellschaftlichen Normalisierung von Machtungleichheit: Sex so weit wie möglich von gesellschaftlicher und situativer Macht und Gewalt befreien. Dieser ist mit den vorherigen beiden Kästen und dem folgenden verbunden. Oben links ist ein roter Kasten, in dem steht: eigene Impulse & Lustgewinn. Dieser ist mit den vorgenannten beiden Kästen zu Entschleunigung und zur Subversion der gesellschaftlichen Normalisierung von Machtungleichheit und dem pinken Kasten zu Lust mit dem, was da ist, verbunden.
Grafik: Mögliche Einordnungen von Vanilla-Sex aus herrschaftskritischer Perspektive

Grafik & Konzept: Katharina Debus

8 Reflexionsfragen zu eigenen Begehren und sexuellen Impulsen

Katharina Debus

Für Quereinsteiger*innen in diese Artikelserie: Viele der folgenden Reflexionsfragen können auch anregend sein, wenn die vorherigen Artikel nicht gelesen wurde. An Stellen, an denen bestimmte Unterkapitel relevant sind, setze ich Querverweise. Selbstverständlich können die vorherigen Artikel dieser Serie aber anregend für die Reflexionsfragen sein und erklären manchmal vielleicht auch besser das Anliegen hinter der Frage.

Wie eingangs beschrieben, ist es aus meiner Sicht nicht möglich, verallgemeinert eine bestimmte Form von Sexualität als emanzipatorisch oder befreit zu beschreiben. Vielmehr können wir meines Erachtens nur individuell in (durchaus gesellschaftspolitisch informierten) Suchbewegun­gen abwägen, was uns guttut und was für uns problematisch ist, und ob es Konstellationen gibt, in denen wir unsere Impulse und Begehren in einer Weise realisieren können, die allen Beteiligten guttut.

Wenn wir auf der politischen Ebene die Konsequenzen gesellschaftlicher Machtstrukturen für Sexualität und Beziehungen abbauen wollen, dann ist es meines Erachtens weder wirksam noch ethisch vertretbar und bestimmt nicht feministisch, in das Selbstbestimmungsrecht anderer Menschen einzugreifen und ihre Begehren zu stigmatisieren, soweit diese im Konsens unter allen Beteiligten ausgelebt werden und alle Beteiligten in der konkreten Konstellation einwilligungsfä­hig sind. Stattdessen sollten wir kritisch am Abbau von Strukturen arbeiten, die (a)sexuelle Selbstbestimmung und Gestaltungsfähigkeit einschränken und aktiv Rahmenbedingungen und Fähigkeiten fördern, die zu einem besseren (a)sexuellen Leben für alle Beteiligten beitragen. Dazu gehört auch die Förderung von Selbstreflexivität und Abwägungsfähigkeit, auf die ich im letzten Teil dieser Artikel-Serie den Fokus lege.

Wenn also sowohl kinky als auch vanilla Begehren einerseits einfach lustvoll, andererseits mit problematischen Verhältnissen und Erfahrungen verflochten sowie auch transformatorisch oder subversiv sein können: Wie können wir dann entscheiden, was wann bei uns der Fall ist?

Ich glaube, dass das in den allerwenigsten Fällen eine andere Person besser entscheiden kann als wir selbst. So komplex, wie Psyche funktioniert, wird auch die Selbstbeforschung im Normalfall eher die Form einer Suchbewegung annehmen, die in manchen Leben mehr fluktuieren und mäandern wird und in anderen Leben sich zunehmend klärt und eindeutiger wird – wobei auch da immer Überraschungen möglich sind. Die folgenden Reflexionsfragen sollen bei dieser Selbstbeforschung und im Dialog mit anderen unterstützen.

Ich lade dabei dazu ein, die Fragen mit einer liebevollen Haltung zu sich selbst und anderen zu lesen und gerade aus dieser liebevollen Haltung heraus auch offen für kritische Reflexionen zu sein. Es ist hilfreicher, sich mit diesen Fragen aus einer Haltung neugieriger Erkundung zu beschäftigen als mit dem Anspruch, absolute Wahrheiten zu finden. Ziel des Umgangs mit der persönlichen Sexualität und Intimität ist aus meiner Sicht nicht eine Konkurrenz darum, wer die*der bessere Feminist*in etc. ist, sondern Wege zu finden, sich und den anderen Beteiligten ein möglichst gutes Leben zu ermöglichen und dabei mögliche Konsequenzen abzuwägen.

Bitte überlegt vor der Beschäftigung mit den Fragen, ob gerade der richtige Zeitpunkt und die richtige Lebensphase ist, sich mit sexuellen (Nicht-)Begehren, Ambivalenzen und Erfahrungen auseinanderzusetzen. Gerade bei frischen Traumata in diesem Kontext könnten die Fragen auch problematische Erfahrungen oder Verluste hochholen.

Ich verwende hier wie auch in den vorherigen Artikeln die Begriffe ‚sexuell‘ bzw. ‚erotisch‘ in einem sehr weiten Sinne und lade die Leser*innen dazu ein, sie in für sich selbst sinnvoller Weise zu füllen oder im Kopf umzuschreiben. Insbesondere asexuelle Menschen, die Praktiken leben, die ich hier irgendwie unter Sexualität und/oder Erotik fasse (z.B. BDSM), lade ich herzlich dazu ein, die Begriffe durch für sie passendere Begriffe zu ersetzen. Leider sind mir keine inklusiveren Überbegriffe eingefallen.

  1. Welche Formen der Kommunikation über sexuelle Wünsche und Grenzen bzw. der Herstellung von Einvernehmlichkeit liegen mir? (Vgl. zu möglichen Formen Artikel 3.3 Konsens-Praktiken bzw. -Strategien. Auf welche Formen der Kommunikation greife ich besonders oft zurück? Worin liegen die Potenziale und worin die Risiken dieser Kommunikationsformen für mich und/oder andere?
    1. Welche Schwächen oder Herausforderungen habe ich bzgl. der Wahrnehmung von sexuellen Wünschen und Grenzen (meiner und der anderer Menschen) und der Kommunikation darüber? Was kann ich tun, um konstruktiv mit diesen Schwächen und Herausforderungen umzugehen?Was kann mir helfen, mit möglichen Wahrnehmungs- oder Kommunikationsbarrieren bei mir oder anderen umzugehen?
    2. Was kann ich besonders gut in Bezug auf die Wahrnehmung sexueller Wünsche und Grenzen und in der Kommunikation darüber? Wie kann ich kommunizieren und vorgehen, um diese Stärken besonders gut zu nutzen? Wie gut lässt sich das mit Stärken und Herausforderungen anderer Menschen in dieser Kommunikation verbinden? Worauf sollte ich bei der Wahl der Kommunikationsform achten?
  2. Was zieht mich sexuell (nicht) an? Was empfinde ich als (nicht) lustvoll und/oder erotisch?
    1. Gibt es Dinge, die mir ambivalente Gefühle machen?
    2. Gibt es Impulse, für die ich mich schäme?
    3. Gibt es Impulse, bei denen ich Vernebelungsgefühle habe und nicht so richtig greifen kann, wie ich dazu stehe?
  3. Bin ich mir bewusst, dass ich die Möglichkeit habe, bestimmte Impulse (nicht nur) in Bezug auf Sexualität zu steuern, ihnen bewusst mehr Raum zu geben und/oder sie umzulenken, zu kanalisieren oder zu verringern?
    1. Falls ja: Wie mache ich das? Welche Gestaltungsmöglichkeiten bietet mir das und wo wird es brüchig?
    2. Mache ich das manchmal (un)bewusst an Stellen, an denen es mir nicht guttut, z.B. ein Begehren kleinzuhalten, das eigentlich gut für mich sein könnte, oder ein Begehren groß zu machen, das mir nicht guttut? Wie kann ich damit umgehen?
    3. Gäbe es Möglichkeiten, meine Fähigkeit zur Steuerung bzw. Kanalisierung von Impulsen und Reaktionen auszubauen und damit meine Gestaltungsfähigkeit zu erweitern? Worauf sollte ich dabei achten, damit es nicht nach hinten losgeht?
  4. Was habe ich in meinem Leben bis heute darüber gelernt bzw. vermittelt bekommen, was/wie guter Sex ist?
    1. In welchen Kontexten habe ich welche Botschaften über guten Sex gelernt? Gibt/gab es Spannungen zwischen den Perspektiven und Botschaften in verschiedenen Kontexten?
    2. Waren Zärtlichkeit, Augenhöhe, (A)Symmetrie, (A)Synchronität, Macht, Schmerz, Bewegungseinschränkung, Kommunikation, Aushandlung etc. explizit oder implizit Thema?
    3. War der Einfluss gesellschaftlicher Verhältnisse auf Sex, Erotik und Beziehungen Thema?
    4. Wurde statisch zwischen gutem und schlechtem Sex unterschieden (also: bestimmte Praktiken als prinzipiell gut oder prinzipiell schlecht benannt) oder wurde dynamisch unterschieden, abhängig von Wünschen, Grenzen, Kommunikation, Aushandlung und Konsens der Beteiligten? (Vgl. zur Differenz zwischen statischer und dynamischer Unterscheidung Artikel 3.1 Statisches versus dynamisches Gewaltverständnis.)

  5. Was habe ich bisher darüber gelernt, woran ich merke, ob mir etwas (z.B. Erotik/Sex/ Machtspiele etc.) (nicht) guttut?
    1. Habe ich manchmal den Eindruck, wer a sagt, müsse auch b sagen, und dass ich sexuelle Handlungen hinnehmen oder durchführen müsse, weil das eben dazugehört, weil wir schon angefangen haben, weil ich ursprünglich eingewilligt habe, und/oder weil ich eine andere Person nicht enttäuschen möchte?
      1. Sind das Situationen, in denen mir das nichts ausmacht, sondern sich z.B. anfühlt, wie eine Person aus Fürsorglichkeit zu massieren, oder in denen ich dann durchs Mitmachen reinkomme und es genieße? Finde ich es gut, dabei der anderen Person etwas Gutes zu tun? Finde ich das in bestimmten Situationen sogar heiß? Ist das für die andere Person auch in Ordnung so? Ginge das auch freiwilliger als durch (nicht bewusst gewünschte) Verpflichtungsgefühle?
      2. Oder geht es mir dabei oder danach nicht gut bzw. beeinträchtigt mein Lustempfinden (z.B. auch durch Dissoziation bzw. Fühllosigkeit)? Welche Möglichkeiten habe ich dann, diese Logiken zu unterlaufen und einen Ausstieg zu finden? Kann ich präventiv etwas tun, damit das weniger wahrscheinlich wird? Was kann mich unterstützen, wenn ich es erst dabei merke?
      3. Oder geht es mir dabei zwar nicht schlecht, aber ich finde es schade, weil es nicht so aufregend, befriedigend oder schön war, wie ich es mir gewünscht hätte? Welche Möglichkeiten habe ich, die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass ich aktuelle oder zukünftige Situationen mehr genieße?
    2. Wie reagiere ich, wenn etwas nicht stimmt?
      1. Spüre ich z.B. an Körperempfindungen oder meiner Atmung oder Ähnlichem, wenn etwas nicht stimmt?
      2. Rumort es in mir?
      3. Gehe ich in innere oder äußere Distanz, dissoziiere und/oder werde fühllos?
      4. Werde ich nervös und suche Nähe?
      5. Tendiere ich zu einem Fokus auf andere, um diese nicht zu verärgern oder zu verlieren, wenn etwas nicht stimmt?
      6. Tendiere ich zu Angst? Angst um mich und meine Grenzen, Verlustangst und/oder Angst, andere zu verletzen bzw. zu schädigen?
      7. Tendiere ich zum Überspielen, u.a. zu Humor und/oder Sprüchen?
      8. Hängen diese Reaktionsweisen möglicherweise mit biografischen Erfahrungen oder erlernten Normen zusammen? Und/oder schützen sie mich?
    3. Was macht es mir leichter oder schwerer zu merken, wenn etwas nicht stimmt? Hilft es mir z.B., alleine zu sein und/oder mit (bestimmten) anderen zu sprechen? Ist Bewegung gut oder Ruhe? Ist Schreiben gut? Was sonst unterstützt mich dabei?

  6. Was habe ich darüber gelernt, woran ich bei anderen möglicherweise Grenzen oder Probleme erkennen könnte? Was habe ich darüber gelernt, was ich tun kann bzw. sollte, wenn ich eine Störung wahrnehme oder mir unsicher bin, ob für eine andere Person alles in Ordnung ist? Wo habe ich Lücken, die ich noch ausbauen könnte/sollte?
    1. Was unterstützt mich bei einem guten Kontakt und einer guten Wahrnehmung der Grenzen und Wünsche meiner Gegenüber?
    2. Was unterstützt mich, dabei auch meine eigenen Grenzen und Wünsche nicht aus dem Blick zu verlieren und gut zwischen den Grenzen und Wünschen aller Beteiligten zu navigieren und mich in Konfliktsituationen für Grenzachtung zu entscheiden?
    3. Können welche der Fragen unter 5) für diese Reflexion anregend für mich sein?

  7. Gibt es Themen rund um (A)Sexualität und Begehren, zu denen ich ambivalente bzw. uneindeutige Gefühle habe?
    1. Welche Gefühle genau kommen da zusammen?
    2. Was genau ist es, was sich gut, aufregend, anziehend und/oder anderweitig richtig anfühlt? (Wie) kann ich diese Aspekte verwirklichen, ohne mich oder andere zu schädigen?
    3. Was genau ist es, was sich problematisch, sorgenvoll, bedrohlich oder anderweitig falsch anfühlt?
    4. Kann ich die einen oder anderen Gefühle mit erlernten Botschaften bzw. guten oder schlechten Erfahrungen verknüpfen?
    5. Kann es sein, dass manche Gefühle von Unbehagen eher mit erlernten Normen früherer oder heutiger Umfelder zu tun haben als damit, dass eine Umsetzung meines Begehrens faktisch problematische Konsequenzen hätte?
    6. Kann es sein, dass manche Gefühle von Richtigkeit eher mit erlernten Normen früherer oder heutiger Umfelder zu tun haben als damit, dass eine Umsetzung mir und allen anderen Beteiligten guttäte?
    7. Kann es sein, dass manche meiner sexuellen Interessen oder Muster eher damit zu tun haben, Anforderungen/Botschaften guter, richtiger oder (vermeintlich) emanzipierter Sexualität umzusetzen, aber die Umsetzung mich eigentlich nicht so wirklich erregt und/oder hinterher unangenehme Gefühle hinterlässt und/oder mir bzw. anderen nicht guttut?
    8. Habe ich eine Idee, ob die Anziehung oder die Abstoßung bzw. Vorsicht gegenüber bestimmten Impulsen Funktionen haben, die mir guttun oder mich bzw. andere schützen?
    9. Habe ich eine Idee, ob die Anziehung oder die Abstoßung bzw. Vorsicht gegenüber bestimmten Impulsen Funktionen haben, die mich einengen, mich eher kleinhalten und/oder mir bzw. anderen (u.a. sexuellen) Genuss verstellen, obwohl der Genuss weder mich noch einwilligende Beteiligte schädigen würde?
    10. Habe ich Impulse, die ich aus gutem Grund nicht umsetzen sollte, weil sie ein zu hohes Risiko haben, mich oder andere zu schädigen? Wie kann ich mit diesen Impulsen umgehen?
      1. Kann ich durch eine Veränderung von Rahmenbedingungen eine Situation schaffen, in der sie nicht-schädigend bzw. mit für alle Beteiligten akzeptablen Risiken umsetzbar sind? Kann ich sie in Handlungen oder Fantasien kanalisieren, die nicht schädigend sind bzw. deren Risiken in das Risikoprofil aller Beteiligten passen? (Dies gilt selbstverständlich nur, wenn alle Beteiligten informiert einwilligungsfähig sind.)
      2. Wie kann ich damit umgehen, falls das alles nicht möglich ist? Kann ich sie loslassen oder sollte ich mir Hilfe suchen?

  8. Wenn ich meine (Nicht-)Begehren mit einem freundlichen Blick betrachte:
    1. Was könnte ich im positiven Sinne darin suchen bzw. finden? Was bieten sie mir? Was bieten sie anderen Beteiligten? Was ist gut an der Anziehung?
    2. Was könnte es mir ermöglichen, dieses positive Potenzial zu verwirklichen?
    3. Wie könnte ich konstruktiv mit ambivalenten Gefühlen umgehen?
    4. Wie kann ich mit Gefühlen wie z.B. Leistungsdruck, Scham, Angst etc. umgehen?
    5. Was hilft mir dabei, erlernte Muster abzubauen, die mir den Weg verstellen, obwohl eine Umsetzung mit einwilligenden einwilligungsfähigen Beteiligten niemandem schaden würde?
    6. Finde ich es interessant, Gefühle, die im Alltag oft nicht hilfreich sind, lustvoll zu pervertieren und bewusst für Lustgewinn zu nutzen? Falls ja:
      1. Wie könnte das möglich sein?
      2. Was könnte mich dabei unterstützen?
      3. Gibt es Fallstricke, dass der Versuch in unguter Weise kippen kann?
      4. Kann ich bzw. können andere Beteiligte etwas tun, um Fallstricke abzubauen oder aufzufangen?
      5. Wie groß wäre das Risiko, wenn etwas kippen würde? Finde ich die Idee interessant genug, es trotzdem versuchen zu wollen oder will/sollte ich das lieber verschieben oder lassen?

  9. Wenn ich meine (Nicht-)Begehren mit einem kritischen Blick betrachte:
    1. Könnten sie in irgendeiner Form mir oder anderen schaden?
    2. Habe ich eine realistische Einschätzung zu möglichen Schäden oder neige ich möglicherweise zu zu viel Vorsicht oder zu viel Selbstüberschätzung bzgl. des Risiko-Managements?
    3. Habe ich Begehren, die, wenn ich sie (nicht) realisiere, Muster in mir stabilisieren, die ich eigentlich kritisch angehen will? Ist jetzt der richtige Zeitpunkt, hier Veränderungen zu versuchen oder wäre das gerade zu destabilisierend und ich will sie eher zu einem späteren Zeitpunkt unter besseren Rahmenbedingungen angehen und im Moment lieber nicht dran kratzen?
    4. Kann es sein, dass ich bestimmte Probleme hinnehme, weil sie gesellschaftlich oder in meinem Umfeld bzw. mir wichtigen Communities normalisiert werden? Welche Konsequenzen hätte es, sie nicht mehr hinzunehmen? Ist es mir das wert? Gibt es Alternativen?
    5. Falls ich negative Konsequenzen in Kauf nehme: Kann ich die irgendwie abpuffern?
    6. Gibt es Wege, meine (Nicht-)Begehren in einer nicht-schädigenden Form zu verwirklichen?
    7. Falls es Restrisiken für mich gibt:
      1. Ist mir das Begehren wichtig genug, diese Restrisiken in Kauf zu nehmen?
      2. Oder will ich lieber schauen, wie ich das Begehren umlenken, verändern, abbauen oder in Fantasien kanalisieren kann?
    8. Falls es Restrisiken für andere gibt:
      1. Gibt es Menschen in meinem Leben oder welche, die ich kennenlernen könnte, die sich dieser Restrisiken bewusst sind und denen es das wert ist, ihre eigenen Begehren umzusetzen?
      2. Was kann ich in diesem Fall dazu beitragen, möglichst umsichtig und einvernehmlich mit diesen Restrisiken umzugehen und im schlechtesten Fall Probleme aufzufangen? Ist es mir das wert und habe ich die Kapazitäten, dieses Engagement aufzubringen?
      3. Oder liegt es außerhalb meines Risikoprofils, solche Restrisiken für andere in Kauf zu nehmen?
      4. Oder ist es unrealistisch, dieses Begehren so umzusetzen, dass diese Restrisiken für andere und/oder mich vertretbar sind?
      5. Will bzw. sollte ich lieber schauen, wie ich das Begehren umlenken, verändern, abbauen oder in Fantasien kanalisieren kann?

  10. Was stärkt mich dabei, herauszufinden, was mir guttut und wie ich das grenzachtend verwirklichen kann? Was stärkt mich bei Suchbewegungen und dabei, wohlwollend und achtsam mit mir selbst und anderen umzugehen und Risiken realistisch einzuschätzen? Was stärkt meinen Mut, ggf. Dinge auszuprobieren, zu denen es mich hinzieht und die für mich und alle Beteiligten gut sein könnten?
    1. Finde ich Gespräche mit Freund*innen oder in Communities, Reflexionsgruppen, Texte, andere Medien, Psychotherapie, Coaching oder Beratung hilfreich?
    2. Gibt es in dieser Hinsicht etwas, das ich suchen oder ausbauen möchte?
    3. Gibt es Dinge, die mich unterstützen, ein gutes Gefühl zu mir, meinem Körper, meinen Begehren, meinen Gefühlen und meinen Grenzen zu haben bzw. aufzubauen?
    4. Gibt es Dinge, die mich unterstützen, ein gutes Gefühl zu anderen Menschen, ihren Wünschen, Grenzen und Kommunikationsformen zu haben bzw. aufzubauen?
    5. Was kann mich dabei unterstützen, meine Ressourcen bewusst zu nutzen oder auszubauen?


[1] In der Ausgabe Ausgabe vom September 2023: https://www.boykott-magazin.de/.

[2] Diese wird zunächst nur in Print zugänglich sein, bestellbar u.a. unter https://www.boykott-magazin.de/. Mit Verzögerung wird die Kurzfassung voraussichtlich auch dort zum Download zur Verfügung stehen und auf meiner Website verlinkt werden unter https://katharina-debus.de/material/sexualpaedagogik/.

[3] Diese wird zunächst nur in Print zugänglich sein, bestellbar u.a. unter https://www.boykott-magazin.de/. Mit Verzögerung wird die Kurzfassung voraussichtlich auch dort zum Download zur Verfügung stehen und auf meiner Website verlinkt werden unter https://katharina-debus.de/material/sexualpaedagogik/.

[4] Ich unterscheide zwischen Denken in Norm und Abweichung, womit ich Verhaltensweisen meine, die keine anderen Menschen schädigen, und Grenzsetzungen gegen Gewalt, Grenzüberschreitungen etc., die inhaltlich dadurch begründet werden, dass sie vor Eingriffen in die Selbstbestimmung anderer Menschen schützen.

[5] Wie in Artikel 6.1 Reproduktion biografischer Beschädigungen und gesellschaftlicher Ungleichheit sowie Normkonformität beschrieben, leugne ich nicht, dass es Situationen gibt, in denen dieses Feedback konkret und situationsspezifisch richtig sein kann. Oft wird aber nicht so genau hingesehen, sondern Kink als schädigend pauschalisiert – auch von medizinisch-therapeutischen Fachkräften.