Bingo
Methodenbeschreibung
Katharina Debus und Vivien Laumann, letzte Aktualisierung Dezember 2025
(Aktualisierungen seit 2020 von Katharina Debus)
weiterentwickelt unter Rückgriff auf andere Quellen, siehe Abschnitt zu Quellen weiter unten
Download der Methodenbeschreibung als pdf unter: Bingo Methodenbeschreibung
Vorlagen und Beispiele zum Download siehe unten: https://katharina-debus.de/material/texte/bingo#anhang
Themen
Die thematische Ausrichtung der Fragen kann je nach Bedarf und Zielgruppe abgewandelt werden. Sie sollten hinsichtlich der Schwierigkeit und hinsichtlich der Intensität (persönliche oder herausfordernde Themen) der Gruppe und dem Zeitpunkt im Gruppenprozess angepasst werden.
Potenziale & mögliche Ziele
- Kennenlernen, in Kontakt kommen, Gemeinsamkeiten und Unterschiede kennenlernen
- thematische Hinführung zum (nächsten) Thema des Lernangebots
- Prinzip der Reziprozität (der Gegenseitigkeit) erleben: Fragen stellen und Fragen gestellt bekommen
- Sensibilisierung für den Unterschied zwischen rein individuellen Verschiedenheiten (z.B. Geburtstagen) und Verschiedenheiten, die mit Ungleichheitsverhältnissen verknüpft sind
- gesellschaftliche und individuelle Unterschiede in der Gruppesehen und thematisieren können
- je nach Fragen:
- über Fragen und deren Effekte reflektieren
- bei persönlichen Fragen:
- reflektieren, welche Themen wem warum unangenehm sein könnten
- reflektieren, wem warum welche Fragen besonders häufig oder selten gestellt werden
- bei Wissensfragen:
- erste Ansätze von Wissensvermittlung bzw. -austausch unter den Teilnehmenden und in der Auswertung durch die Leitung
- erster Eindruck zum Wissensstand für die Leitung
- Variante auch einsetzbar bei Geburtstagen, Partys, Veranstaltungen oder Freizeitangeboten, um Menschen ins Gespräch zu bringen
Risiken & Nebenwirkungen
- Manche Fragen können als zu persönlich empfunden werden. Dies kann durch die Anleitung (s.u.) abgemildert, aber nur dann verhindert werden, wenn möglicherweise als zu persönlich empfundene Themen ganz vermieden werden. Es kann aber mit entsprechender Anleitung und Auswertung auch geübt werden, wie mit der Unsicherheit umgegangen werden kann, wem welche Fragen zu persönlich sind, bzw. wie wir bei zu persönlichen Fragen auf unsere Grenzen achten können.
- Es können stigmatisierende oder diskriminierende Erlebnisse dadurch reproduziert werden, dass bestimmten Teilnehmenden bestimmte Fragen besonders häufig gestellt werden, beispielsweise wenn immer die eine Person mit Kopftuch gefragt wird, ob sie etwas über den Islam erklären kann oder eine Freundin hat, die Kopftuch trägt. Die Teilnehmenden können auch manche Fragen für abwertende Kommentare gegen andere Teilnehmende nutzen. Manchmal lässt sich das durch die Fragenauswahl vermeiden, manchmal ist es auch eine gute Möglichkeit, Zuweisungen, die in der Gruppe sowieso stattfinden, kritisch zu thematisieren. Hier sollte vorher gut überlegt werden, wie das Verhältnis von Potenzial (auch zur Förderung von Wehrhaftigkeit) zu Stigmatisierung bzw. Belastung Betroffener eingeschätzt wird und welche Fragen in einer spezifischen Gruppe vor diesem Hintergrund sinnvoll oder eher zu vermeiden sind.
Wichtig ist es, in der Auswertung Raum zu schaffen, ggf. herausfordernde Themen anzusprechen, und als Leitung bei Bedarf Position zu beziehen, dass die Zurückweisung von Fragen immer legitim ist und ins Gespräch über Effekte von Fragen zu kommen. Hierfür muss ausreichend zeitlicher Puffer eingeplant werden. Zu Diskriminierung, Ausgrenzung oder Abwertungen sollte die Leitung Position beziehen und Betroffene stärken. Dabei sollte sie aber mitdenken und markieren, welcher Anteil davon durch die Methodenanordnung mit ausgelöst wurde (siehe unten zu Zeitdruck als Verstärker für Stereotypisierungen).
Zielgruppen
- Voraussetzung: die Teilnehmer*innen müssen in der Sprache des Bingos lesen und schreiben können – ggf. ist auch eine zweisprachige Variante mit Vorder- und Rückseite möglich, wenn die Teilnehmenden sich grundsätzlich verständigen können
- Alter: prinzipiell alle lesen und schreiben könnenden Alters- und Zielgruppen – die Fragen müssen zielgruppengerecht und entsprechend der Ziele der Methode ausgewählt bzw. ausgedacht werden
Anwendung und Grenzen
Gruppengröße
- variabel
- bei sehr kleinen Gruppen sollten es weniger Felder sein, so dass das Erreichen einer Bingo-Reihe möglich wird
- ideale Gruppengröße: 12-25 Personen
- auch mit sehr großen Gruppen, z.B. um auf Konferenzen, Feiern oder Veranstaltungen Kontaktaufbau bzw. einen interaktiven Einstieg zu ermöglichen
Zeitpunkt zum Einsatz der Methode
Bingo kann als Einstieg oder zum Kennenlernen genutzt werden, ist aber auch in Gruppen, die sich schon gut kennen, sehr gut einsetzbar. Die Fragen sollten dann so ausgewählt sein, dass noch Neues übereinander erfahren werden kann bzw. sie interessante Gespräche und Gedanken anregen.
Rahmenbedingungen
Zeit
- 20-60 Minuten je nach Gruppengröße, Fragenauswahl und Intensität der Nachbesprechung
Material
- in Präsenz: für alle Teilnehmenden ausgedruckte Bingo-Zettel und Stifte, ggf. Kladden/Schreibunterlagen
- online: beschreibbare Bingo-Dokumente für alle in einem öffenbaren Format (also keine pdfs, sondern z.B. Word oder libre office) zugänglich oder ausgedruckt + Stift
Größe und Anzahl der Räume
- Präsenz: ausreichend Platz, um umher zu laufen und ins Gespräch zu kommen
- online: Möglichkeit, wechselnde, zufällig zusammengesetzte Kleingruppenräume einzurichten und schnell zu wechseln
Präsenz/online
- In dieser Methodenbeschreibung liegt der Schwerpunkt auf der Anleitung für Präsenzseminare.
- Online ist sie auf Plattformen möglich, die zufällige Kleingruppenräume ermöglichen.
- Dann schicken wir immer 2-3 Personen in einen Kleingruppenraum und lassen ihnen dort mindestens 3 Minuten, wenn persönliche oder komplexere Fragen im Bingo gestellt werden, eher 5 Minuten pro Runde.
- Dann holen wir sie zurück und richten die nächste Kleingruppen-Session mit anderer Gruppenzusammensetzung ein. Es kann nett sein, während der Wechsel im Plenum Musik laufen zu lassen.
- Immer während der Wechselphase im Plenum können Teilnehmende per Mikrofon oder Chat ‚Bingo!‘ sagen/schreiben, wenn ihr Bingo vollständig ist.
Vorbereitung
Erstellung des Bingo-Bogens
Auf dem Bingo-Bogen sollte es oben eine Anleitung geben, die die Spielregeln kurz wiederholt und nochmal dazu ermutigt, eigene Grenzen zu wahren (Beispiele siehe Anhang).
Darunter sollten je nach Gruppengröße 5×5 oder ggf. auch weniger (4×4 oder 3×3) Kästchen mit einer Aussage bestückt werden, die potenziell auf Menschen in der Gruppe zutrifft, und darin immer Platz gelassen werden, um einen Namen dazu zu schreiben. Planen Sie bei längeren Fragen Zeit ein, sich mit der Formatierung zu beschäftigen, damit auch alles auf ein Blatt passt. Im Zweifel ist es nicht schlimm, wenn die Kästchen nicht gleich groß sind.
Die horizontalen, vertikalen und diagonalen Reihen sollten so zusammengestellt werden, dass in jeder Reihe verschiedene Themen bzw. Fragenkategorien bzw. Schwierigkeitsgrade von Fragen vorkommen.
Fragenauswahl
Mit der Fragen-/Aussagenzusammenstellung steht und fällt die Wirksamkeit der Methode. Die Fragen sollten immer auf die Gruppe, den Zeitpunkt im Gruppenprozess und das Lernziel/Anliegen zugeschnitten sein bzw. auf Passung bzgl. der konkreten Gruppe geprüft werden.
Besonders viel Spaß macht sie den Teilnehmenden, wenn die Fragen
- interessant ausgewählt sind, ihnen also interessante Austausche, Kennenlernen oder interessante neue Wissens- oder Reflexionsimpulse ermöglichen.
- für alle Teilnehmenden mehrere Fragen mit Ja beantwortbar sind.
- ein paar leichte Fragen dabei sind und nicht zu viele Wissensfragen, an deren Beantwortung sie scheitern, ansonsten wird die Methode frustrierend.
- es möglich ist, die Reihen zu füllen (aber idealerweise auch nicht zu schnell geht). Dafür kann auch eine Joker-Reihe hinzugenommen werden, aus der jede Aussage eine beliebige Aussage oben ersetzen kann, wenn es Fragen geben könnte, für die in der Gruppe niemand zu finden ist.
Nehmen Sie sich daher Zeit für die Zusammenstellung.
Insbesondere Fragen, die auf die Besprechung von Normen etc. zielen, sollten von der Leitung so ausgewählt werden, dass die Leitung auch eine Idee hat, was an der Frage interessant sein könnte. Wenn Sie sich also von Fragen aus unseren Vorlagen inspirieren lassen, wählen Sie bitte nur Fragen aus, die für Sie auch Sinn ergeben und zu Ihren thematischen Anliegen passen und deren Auswertung Sie sich zutrauen, auch wenn es dabei Gefühle bzw. Konflikte in der Gruppe zu halten gilt. Gerade im letzten Erwachsenen-Bingo dieser Beschreibung sind viele Fragen rund um Geschlechternormen angelegt, die sich vielleicht nicht alle von selbst erschließen.
Mit zunehmender Übung fällt es leichter, ein Gespür für die Auswahl und Möglichkeiten der Besprechung verschiedener Fragen zu gewinnen. Am Anfang oder bei einer neuen Zielgruppe bzw. einem neuen Themenfeld ist immer auch etwas Versuch und Irrtum im Spiel.
Beispielhafte Fragenkategorien im Kontext von Bildungsprozessen (für Feiern oder Freizeitangebote siehe unten bei Varianten):
- niedrigschwellige individuumsbezogene Fragen wie z.B. Geburtstag im Monat der Methodendurchführung, Hobbies, Stadtteil oder ähnliches
- persönlichere Fragen, die verschiedene Vielfaltsebenen und/oder mit unterschiedlichen Erfahrungen verbundene Kompetenzen ansprechen – je nach Intention, Einschätzung der Gruppe und eingeplanter Zeit können diese mehr oder weniger persönlich sein (z.B.: ‚Spricht mehr als zwei Sprachen‘, ‚Hat schon mal in einem anderen Land gelebt‘, ‚Hat mehr als ein Geschwister‘, ‚Hat schon mal von Transferleistungen gelebt‘, ‚Kann Tricks erklären, wie man mit wenig Geld leben kann‘, ‚Hat keine Behinderung‘, ‚Hat einen Menschen mit Behinderung in der Familie‘, ‚Kann sich in Gebärdensprache unterhalten‘, ‚Ist von einem alleinerziehenden Vater großgezogen worden‘, ‚Hat eine Mutter, die voll berufstätig war, als si*er klein war‘, ‚Glaubt an Gott‘, ‚Hat eine Freundin mit Kopftuch‘, ‚Kann mindestens 3 Gemeinsamkeiten von Christentum, Islam und Judentum nennen‘, ‚Hat oder hatte schon mal eine gleichgeschlechtliche Beziehung‘, ‚Lebt polyamor‘, ‚Hat ein oder mehrere Kinder‘, ‚Will keine Kinder‘, ‚Kann erklären, was Fatshaming bedeutet und was daran problematisch ist‘, ‚Kann ein Kinderbuch, Kinderlied oder eine Kinderserie nennen, die in der DDR beliebt waren‘, ‚Hat oft ein besonderes Interesse, in das si*er sich sehr vertieft‘, ‚Findet still sitzen anstrengend‘ etc.)
- Fragen, die ins Hauptthema des Seminars bzw. der folgenden Einheit leiten, z.B.:
- persönliche Fragen, u.a. je nach Thema und Zielgruppe (siehe oben und unten zu Abwägungen bzgl. Grenzachtung, Stigmatisierungsrisiken und Besprechung von Normativität und Gefühlen bei Fragen): ‚War schon mal beim CSD‘, ‚Hat als Lieblingsfarbe rosa‘, ‚Hat schon mal eine Frau geküsst‘, ‚Würde sich gerne mal ein paar Jahre auf Kinder und Haushalt konzentrieren‘, ‚Hat sich schon oft über sexistische Beschimpfungen geärgert‘, ‚Hat manchmal Sorge, sich aus Versehen diskriminierend zu verhalten‘, ‚Mag ein Beispiel geben, als si*er schon mal was gegen Diskriminierung gesagt hat‘, ‚Mag ein Beispiel für angenehmes Flirten geben‘, ‚War schon mal in mehr als eine Person gleichzeitig verliebt‘, ‚Ist gerne in die Schule gegangen‘, ‚Musste sich schon oft rechtfertigen, keine Kinder zu wollen‘, ‚Findet sich schön‘, ‚Findet sich eine*n gute*n Liebhaber*in‘
- inhaltliche bzw. fachliche Fragen, u.a.: ‚Kann erklären, was LSBTIQ heißt‘, ‚Kann erklären, was eine Hoden-Torsion ist‘, ‚Kann erklären, was eine Kupferspirale ist‘, ‚Kann ein Beispiel für Diskriminierung geben‘ (ggf. spezifiziert: rassistische, sexistische, antisemitische, queerfeindliche, ableistische, klassistische etc. – ggf. zielgruppengerecht in Fußnote erklärt), ‚Mag ein Beispiele für eine unangenehme Frage geben‘, ‚Mag ein Beispiel für ein unangenehmes Kompliment geben‘, ‚Mag eine mögliche Antwort auf die Frage Wie haben denn Lesben Sex? mit der Gruppe teilen‘, ‚Mag ein Beispiel erzählen, wie man mit Jugendlichen zum Konsens-Prinzip im Sex arbeiten kann’, ‚Hat eine Idee zu Auswirkungen von Klassismus auf Sexualität‘, ‚Kann erklären, was an der Frage Wo kommst Du her? diskriminierend sein kann‘, ‚Kann etwas zur unterschiedlichen Geschichte von Frauenrechten in der BRD und DDR erzählen‘
- evtl.: lustige Fragen, z.B.: ‚Kann ein lustiges Schimpfwort nennen, das nicht diskriminierend ist‘
- evtl.: Wenn heiklere Fragen thematisiert werden sollen, ohne dass Druck entsteht, diese fragen bzw. beantworten zu müssen, können unter dem Bingo Joker eingefügt werden, mit denen jede beliebige Frage aus dem Bingo ersetzbar ist, z.B.: ‚Hat schon mal Psychotherapie gemacht‘, ‚Hat sich schon mal mit wem geprügelt‘, ‚Hat ein angespanntes Verhältnis zu den eigenen Eltern‘ und sehr viele der oben genannten Fragen, wenn sie für die Gruppe als heikel eingeschätzt werden (viele davon sind für sehr viele Gruppen heikel). Eine Zusatzregel kann sein, dass diese Fragen nur pauschal abgefragt werden dürfen, wenn die Beteiligten sich nicht sehr gut kennen, z.B.: Magst Du mir eine Joker-Frage mit ‚ja‘ beantworten?
- In sehr kleinen Gruppen kann eine Joker-Reihe auch sinnvoll sein, damit die Chance auf ein Bingo erhöht wird; dann sollten in der Joker-Reihe nicht nur heikle Fragen gewählt werden, damit kein Druck zur Beantwortung heikler Fragen entsteht.
Unten finden Sie Vorlagen verschiedener Bingo-Bögen. Bitte übernehmen Sie diese nicht einfach ungeprüft, sondern passen Sie sie immer auf konkrete Gruppen und Zielsetzungen an oder lassen Sie sich von den Anregungen hier und in den Vorlagen zu einer eigenen Zusammenstellung inspirieren. Dafür stellen wir extra Word-Vorlagen bereit, um Sie zu Anpassungen einzuladen.
Anleitung bzw. Ablauf der Methode
1 Anmoderation bzw. Erklärung der Spielregeln
Die Spielregeln werden entweder vor dem Austeilen des Blatts erklärt oder das Blatt wird vorher umgedreht ausgeteilt. Wichtig, wenn mit Gewinnen gespielt wird, aber auch bzgl. der Aufmerksamkeit bei der Regelerklärung ist, dass dabei nicht schon die Fragen gelesen werden. Die Leitung kann aber das Blatt hochhalten, um z.B. zu erklären, dass Reihen längs, quer und 5er-Reihen (bei kleinerem Spielfeld entsprechend 4er- oder 3er-Reihen) diagonal zählen.
- Ihr stellt anhand des Bingo-Zettels den anderen aus der Gruppe Fragen. Wenn Ihr wen findet, der*die eine der vorliegenden Fragen mit JA beantworten kann, schreibt Ihr deren Namen in das betreffende Feld. Jede Person darf in den gewinnenden Reihen nur einmal vorkommen. Ihr dürft niemanden mit etwas eintragen, was Ihr von vorher wisst, ohne die Person um Erlaubnis zu fragen.
- Zugleich könnt Ihr auch von den anderen gefragt werden.
- Mich/uns dürft Ihr auch fragen. (siehe unten zu Abwägungen der eigenen Beteiligung)
- Manche Fragen können persönlich sein. Es ist, wie es immer im Leben sein sollte, völlig ok zu sagen, dass Ihr eine Frage nicht beantworten wollt. Und Ihr dürft auch lügen, wenn Euch die Frage zu persönlich ist. Niemand darf dann sagen ‚Das stimmt aber nicht.‘ (Aber Ihr müsst selbst einschätzen, ob Ihr den anderen da vertraut.)
- Wenn Ihr unsicher seid, ob eine Frage der anderen Person unangenehm sein könnte, könnt Ihr sie vielleicht zuerst fragen, ob Ihr ihr diese Frage stellen dürft. Oder Ihr bietet mehrere Fragen an und fragt die Person, welche sie Euch beantworten will.
- Je nach Auswertungsmethode: Die Person, die zuerst Bingo hat, liest nachher ihre Bingo-Reihe immer mit den Namen der Leute vor, die sie eingetragen hat und die Leute, die vorgelesen werden, können jeweils kurz was zu ihrer Antwort erzählen, wenn sie Lust haben. Ihr solltet also nur ‚ja‘ sagen, wenn es Euch auch recht ist, damit vorgelesen zu werden. Ihr könnt aber auch sagen, dass die Person eine Klammer um Euren Namen machen und Euren Namen dann nachher nicht vorlesen soll.
- Wer nicht mitmachen oder eine Runde Pause machen will, kann sich an den Rand setzen und darf da nichts gefragt werden.
- Wenn Ihr zwei Reihen (bei kleinen Gruppen oder wenn es schnell gehen soll: eine) voll habt, ruft Ihr laut Bingo! Wer zuerst ein Bingo hat, hat gewonnen.
- Dafür zählen 5er-Reihen (ggf. 4er oder 3er je nach Spielfeld) längs, quer und diagonal (zur Verständlichkeit auf dem Blatt anzeigen). (Es ist sinnvoll, die Nummer der Kästen gewinnender Reihen zu nennen, weil es immer wieder Spezialist*innen gibt, die sonst eine kürzere diagonale Reihe füllen.)
- Die Methode ist beendet, wenn eine Person ein Bingo! hat.
- Bei intensiveren Varianten: Wir sprechen nachher auch darüber, wie die Methode für Euch war. Wenn Ihr also was besonders schön oder eher unangenehm fandet, merkt es Euch gerne oder schreibt es auf. Das kann interessant für das Gespräch später sein.
- Habt Ihr Fragen zu den Spielregeln?
2 Durchführung des Bingos
- Wenn die Erklärung abgeschlossen ist bekommen alle einen umgedrehten Zettel und einen Stift und es kann losgehen. (Alternativ vorher Stifte und umgedrehte Zettel austeilen.) Wenn alle einen Zettel haben, gibt die Leitung das Startsignal.
- Wenn jemand Bingo! hat, wirft die Moderation einen kurzen Blick auf den Zettel, um zu schauen, ob das Spiel wirklich beendet ist oder ob sich zum Beispiel eine Person in der/den gewinnenden Reihe(n) doppelt. Ggf. lässt die Leitung auch noch eine Runde Fragen und Antworten laufen, wenn die gewinnende Person sehr schnell war und noch ein bisschen mehr Gespräch erwünscht ist.
- Die Leitung gibt dann ein Signal, wenn das Spiel beendet ist. Dann können sich alle setzen.
- Die Leitung gratuliert der*dem*den Gewinner*in*nen
Beteiligung der Leitung
In den allermeisten Fällen ist es sinnvoll, bei Methoden, bei denen die Leitung Fragen vorgibt, auch selbst Bereitschaft zu zeigen, etwas von sich preiszugeben. Wahlweise kann die Leitung komplett mitmachen oder sich am Rande halten und nur passiv Fragen beantworten, ohne selbst welche zu stellen.
Wissensfragen stelle ich Teilnehmenden dabei nicht, da das schnell zu Prüfungsgefühlen führen kann. Auch sehr persönliche Fragen stelle ich nicht. Je nach Zusammenstellung des Bingos ist trotzdem eine (nicht auf selbst gewinnen ausgerichtete) aktive Teilnahme möglich oder es ist besser, sich nur für von den Teilnehmenden initiierte Fragen (auf Wunsch auch gegenseitig) zur Verfügung zu stellen.
Wenn Fragen dabei sind, die für die Leitung unangenehm sind, wäre zu fragen, ob das darauf verweist, dass die Fragen auch für die Gruppe fragwürdig sind, oder ob es spezifische Gründe gibt, warum sie für die Gruppe gut geeignet und nur für die Leitung problematisch sind.
Selbstverständlich ist es dennoch eine persönliche der Frage der Leitung, ob sie mitmacht oder nicht. Grundsätzlich sollte aber kritisch reflektiert werden, wenn wir eine Gruppe etwas durchführen zu lassen wollen, was wir selbst unangenehm finden.
3 Auswertung
Klassischerweise liest die gewinnende Person ihre gewinnende/n Reihe/n oder bei Zeitknappheit eine ihrer Reihen vor. Sie nennt die eingetragenen Namen (außer die mit Klammer) und die jeweilige Person erhält Gelegenheit, etwas dazu zu erzählen. Wenn ein Name geklammert ist, kann stattdessen in die Gruppe gefragt werden, ob wer etwas zu dieser Frage erzählen will.
Wenn das zu zeitaufwendig oder zu persönlich bzw. riskant für die Gruppenzusammensetzung ist, kann auch einfach der gewinnenden Person gratuliert werden. Dann sollte die Anleitung entsprechend angepasst werden. In jedem Fall sollten die Teilnehmenden vorher verstanden haben, ob ihre Namen und damit Aussagen zu den Fragen später genannt werden oder nicht.
Danach folgt ein Auswertungsgespräch, das klassischerweise gemischt ist aus Aufgreifen von Äußerungen, Gefühlen und Gedanken aus der Gruppe, ggf. Beantwortung von Verständnis- und Wissensfragen und Auswertungsanliegen/Vermittlungszielen der Leitung.
Mögliche Auswertungsfragen je nach Gruppe, Fragenauswahl und Anliegen der Methodendurchführung:
- Wie ging es Euch? Fandet Ihr etwas besonders schön oder eher unangenehm? Fandet Ihr etwas interessant?
- Gibt es Wissensfragen, die Ihr klären wollt? (z.B. nach der Bedeutung von LSBTIQ)
- War es schwierig manche Fragen zu stellen? Welche?
- War es schwierig manche Fragen zu beantworten? Welche?
- War es einfacher zu antworten oder zu fragen?
- Habt ihr Frage-Reihen verlassen, weil ihr manche Fragen nicht stellen wolltet?
- Gab es Fragen, für die Ihr nur schwierig jemanden oder auch gar niemanden gefunden habt?
- Gab es Fragen, die Euch besonders häufig oder nie gestellt wurden? Wie fandet Ihr das?
- Habt Ihr Euch über etwas geärgert? Wart Ihr über etwas unsicher? Hat Euch etwas nachdenklich gemacht?
- Worin unterscheiden sich Fragen, z.B. in Bezug auf die Lieblingsfarbe oder den Geburtstag, von denen, die z.B. danach fragen, ob man mit einem alleinerziehenden Elternteil lebt, Ideen hat, wie man mit wenig Geld leben kann, oder schon mal eine Frau geküsst hat?
Je nach Fragenauswahl und Prozess:
Das Vorlesen der Bingo-Reihe kann oft ein schöner Einstieg sein, über die Fragen ins Gespräch zu kommen und einzelne Einblicke und Eindrücke aus der Gruppe zu hören, z.B. wann ein Geburtstag ist, welche Sprachen eine Person spricht, dass sie z.B. zwei kleine geliebte Geschwister hat oder auch ihre Geschwister eher nervig findet, was LSBTIQ heißt, ein Erlebnis vom CSD zu teilen oder über eine mögliche Antwort auf die Frage ‚Wie haben denn Lesben Sex?‘ ins Gespräch zu kommen.
Dabei sind auch kleine Exkurse bzw. Vertiefungen möglich, eine Frage etwas ausführlicher zu besprechen, z.B. die genannte Frage, Möglichkeiten, wie wir bei Diskriminierung intervenieren können, über gute Komplimente oder über Sach-Informationen, z.B. was eine Hodentorsion ist und wie schnell man damit medizinische Unterstützung suchen sollte oder dass eine Kupferspirale auch als Notfallverhütungsmittel eingesetzt werden kann, wenn die Pille danach nicht wirkt, weil schon ein Eisprung erfolgt ist.
Gleichzeitig kann das Vorlesen bei persönlicheren Fragen auch einzelnen unangenehm sein, sodass in der Anleitung bei dieser Variante sehr klar darauf hingewiesen werden muss, dass Leute ihren Namen nur hergeben sollen, wenn es ihnen recht ist, dann auch vor der Gruppe genannt zu werden, und dass sie ihn stattdessen auch klammern lassen können und er dann nicht vorgelesen werden soll.
Bei vielen möglichen Antworten auf die oben angeregten Fragen, kann es interessant sein, über mögliche Gründe ins Gespräch zu kommen, z.B. warum welche Fragen als unangenehm oder einfach empfunden werden (auch in persönlicher Unterschiedlichkeit des Empfindens, das kann z.B. mit dem unterschiedlichen Umgang im eigenen Umfeld, in der Herkunftsfamilie oder mit eigenen Umgangsweisen mit Normen etc. zu tun haben), warum es schwer war, für bestimmte Fragen wen zu finden etc.
Wenn es schwierig war oder nicht gelungen ist, eine Person für eine bestimmte Frage zu finden, kann gemeinsam darüber nachgedacht oder von der Leitung angeregt werden, ob/dass das auf gesellschaftliche Normen, gesellschaftliche oder professionelle Wissensbestände (z.B. wenn eine bestimmte Wissensfrage schwierig war) oder die Homogenität von Umfeldern verweisen kann, möglicherweise auch im Kontext von Diskriminierung oder Ausgrenzung (z.B. haben in vielen Lehrkräftegruppen sehr wenige Menschen eine Freundin, die Kopftuch trägt, oder Freund*innen, die von Transferleistungen leben; in vielen linken Kontexten haben wenige Menschen Freund*innen mit einer Geh- oder Sinnesbehinderung oder mit Lernschwierigkeiten etc.). Und es kann reflektiert werden, ob das etwas für das zukünftige Handeln bedeutet (z.B. sich um Wissen zu kümmern oder sich zu fragen, wie die Homogenität von Umfeldern die eigene Perspektive prägt und ob es Schließungsmechanismen gibt, die verändert werden könnten).
Wie gesagt: Solche Fragen (also nicht die nach Wissen, sondern die, die möglicherweise auf Homogenität in Umfeldern abzielen) haben immer ein Risiko, stigmatisierend zu wirken, wenn sie dazu führen, dass sie immer den gleichen Menschen in der Gruppe gestellt werden. Umgekehrt können sie es auch ermöglichen, Zuschreibungen, die ohnehin geschehen, kritisch zur Sprache zu bringen und einen besseren Umgang miteinander zu entwickeln. Solche Prozesse brauchen Zeit und die muss eingeplant werden, wenn entsprechende Fragen aufgenommen werden. Es sollte sich immer um einen transformativen Effekt bemüht werden, sonst haben die Betroffenen nichts davon, wenn nur wieder mal festgestellt wird, dass sie diskriminiert oder stigmatisiert werden.
Wenn entsprechend bestimmten Teilnehmenden bestimmte Fragen häufig zugewiesen wurden (also z.B. dass immer die Frau mit Kopftuch auf alles angesprochen wurde, was mit Islam zu tun hat, oder nur ihr zugetraut wurde, auch Freundinnen mit Kopftuch zu haben), ist es wichtig, einen Besprechungsraum dafür zu schaffen, in dem es auch möglich ist, Unmut über die Zuweisungen zu äußern. In Gruppen mit Studierenden Sozialer Arbeit sind dadurch interessante Diskussionen darüber entstanden, wie es kommt, dass nicht selbstverständlich allen zugetraut wird, eine Freundin mit Kopftuch zu haben (homogene Lebenswelten, Ausschlüsse etc.) oder warum es nicht als allgemeiner professioneller Standard betrachtet wird, auch etwas über den Islam im Studium zu lernen. Diese Gruppen kannte ich (K.D.) vorher und hatte den Eindruck, dass die Frage dort sinnvoll und machbar wäre, weil ich den Eindruck hatte, die betreffenden Studentinnen wollten das Thema kommentieren, weil es ständig unterschwellig präsent war, und dass die Methode eine gute Gelegenheit dafür geschaffen hat. Wenn ich sie stärker als unsicher und zurückgezogen wahrgenommen hätte, hätte ich die Frage entweder nicht reingenommen oder vorher mit ihnen dazu eingecheckt.
Umgekehrt kann es auch interessant sein, darüber zu sprechen, wenn bestimmte Leute den Eindruck haben, sie kämen für bestimmte Fragen gar nicht in Betracht, zum Beispiel als Mann/Junge nie gefragt zu werden, ob sie rosa mögen, als (ggf.: ‚feminin‘ wirkende) Frau nicht gefragt zu werden, ob sie schon mal eine Frau geküsst haben, oder als feministisch wahrgenommene Frau nicht gefragt zu werden, ob sie sich gerne mal ein paar Jahre auf Kinder und Haushalt konzentrieren wollen würden, anstatt ständig Vereinbarkeitsstress zu haben.
Es kann auch interessant sein, darüber zu sprechen, welche Faktoren zu z.B. stereotypisierenden Fragenauswahlen geführt haben. Oft ist Zeitdruck bzw. der Wunsch nach Effizienz (in diesem Fall: gewinnen wollen oder das Ziel, zu gewinnen, als Aufforderung gehört zu haben) ein relevanter Faktor, der zu Stereotypisierungen führt – in diesem Spiel wie im Alltag. Das kann Transfer-Reflexionen über Alltagspraktiken und Zuschreibungen im Alltag ermöglichen und darüber, wie diese ggf. reduziert werden können bzw. worauf wir in Zukunft besser achten wollen. Gerade in der Arbeit mit Fachkräften sind oft interessante Transfers zu Arbeitsbedingungen, stereotypisierenden Zielgruppenkonstruktionen etc. im Kontext ressourcenknappen Handlungsdrucks möglich.
In intensiver persönlichen Varianten ist es eine interessante Spur, warum bestimmte Fragen als heikel empfunden wurden und andere ebenfalls persönliche Fragen eher als unproblematisch. Dabei geht es nicht darum, Teilnehmenden ihre Intimitätsgrenzen abzusprechen (weder den Fragenden, noch den Befragten) – sie sollten vielmehr darin bestärkt werden, diese zu wahren und zu achten. Es kann dennoch erkenntnisreich sein, der Spur zu folgen, warum bestimmte Fragen als heikler als andere empfunden werden, weil das oft auf soziale Normen verweist. Beispiele hierfür wären zum Beispiel die Bejahung der Beschreibung ‚empfindet sich als schön‘ oder ‚empfindet sich als gute*n Liebhaber*in‘ (Risiko von Arroganzvorwürfen, ggf. vergeschlechtlicht besonders gegen Frauen gerichtet) oder in ganz anderer Richtung ‚hat schon mal staatliche Transferleistungen bekommen‘ (Klassismus) oder auch die häufige Beschämung von Psychotherapie-Erfahrungen und psychischen Erkrankungen oder das Risiko queerer oder polyamorer Coming-Outs.
Auch Fragen nach Normen in bestimmten Umfeldern können interessant sein, z.B. wie leicht es Menschen in feministischen Umfeldern fällt, ‚zuzugeben‘ oder sich gegenseitig zu fragen, ob sie gerne Liebesromane lesen, als Frauen rosa mögen oder sich gerne eine Weile auf Kinder und Haushalt konzentrieren würden, ggf. kann es auch interessant sein, den (oft ironischen) Tonfall zu reflektieren, in dem diese Fragen gestellt bzw. Ja-Antworten formuliert werden. Daraus kann ein interessantes Gespräch über Normen und Abwertung als traditionell weiblich konnotierter Interessen/Tätigkeiten entstehen, auch im Kontrast (eine Vorliebe für blau oder für Action-Filme zuzugeben z.B. ist oft wesentlich weniger schambehaftet).
Nicht zuletzt kann das Thema Fragen stellen und beantworten anhand der Methode thematisiert werden:
- auf der ganz persönlichen Ebene: Wie können wir mit Unsicherheiten, Unwohlsein und Zurückweisungen in Bezug auf Fragen umgehen?
- auf der gesellschaftlichen Ebene:
- Welche Fragen und Themen sind schambesetzt sind und werden dadurch schwieriger besprechbar (z.B. sexuelle Orientierungen jenseits der Heteronormativität, Transferleistungen oder auch das Thema Essstörungen oder psychische Probleme)? Welche Konsequenzen kann das haben?
- Wie können Fragen mit Diskriminierung und Ausgrenzung zusammenhängen (z.B. Othering also Menschen als ‚anders‘ und ‚nicht-zugehörig‘ oder ‚exotisch‘ markieren), indem sie Nicht-Zugehörigkeit bzw. Erklärungsbedürftigkeit signalisieren, wenn sie besonders oft oder besonders früh im Kennenlernprozess Minderheiten gestellt werden (z.B. ‚Wo kommst Du her?‘, ‚Wie haben Lesben Sex?‘, ‚Wer ist denn bei Euch der Mann oder die Frau?‘)?
Wichtig ist, wenn es um diskriminierende oder unwohle Fragen etc. ging, auf der Meta-Ebene oder auch durch Unwohlsein während der Methode, auch über Handlungsoptionen bzgl. solcher Fragen im Alltag zu sprechen:
- sensibilisieren: Wie kann ich gut in Kontakt kommen und ggf. auch relevante Themen ansprechen, ohne dabei Grenzen zu überschreiten? Bzw. wie kann ich dieses Risiko zumindest reduzieren?
- befähigen: Wie kann ich reagieren, wenn mir unangenehme Fragen gestellt werden?
- befähigen: Wie kann ich mit solchen Grenzsetzungen wertschätzend umgehen? Z.B.: „Oh, tut mir leid, dass ich mich mit der Frage vergriffen habe. Danke, dass Du mir das sagst!“
Das kann auch eine Gelegenheit sein, im Sinne der consent education (Bildung zu [nicht nur sexueller] Einvernehmlichkeit) Grenzsetzungen nicht als Zurückweisung zu framen, sondern als ein Geschenk, das einen guten Kontakt ermöglicht, weil ich dann hoffentlich in Zukunft seltener Unwohlsein beim Gegenüber auslösen werde. Wenn das alle Seiten verinnerlichen, kann der Umgang mit Fragen, Grenzen oder z.B. auch Komplimenten nach einer erstmal ungewohnten Übungsphase für alle Beteiligten viel angenehmer werden, weil die jeweils eine Seite weniger Unangenehmes aushalten muss und die andere sich nicht zurückgewiesen fühlen muss, wenn sie eine Info bzgl. einer Grenze bekommt.
Varianten
Altersgruppen
Bingo! kann mit Kindern (wenn sie lesen und Namen schreiben können), Jugendlichen und Erwachsenen durchgeführt werden. Die Fragen müssen je nach Zielgruppe angepasst werden. Bei jüngeren Kindern empfiehlt sich oft ein kürzeres Bingo mit z.B. 4 x 4 Fragen.
Zeit/Endpunkt
Wenn mehr Gespräch ermöglicht werden soll, kann ein Bingo kann auch erst beendet werden, nachdem die dritte Person zwei Reihen ausgefüllt hat. Das hängt von der verfügbaren Zeit und der Lust ab, mit der die Teilnehmenden die Fragen in den Kästchen beantworten wollen.
Es kann auch ganz ohne Wettbewerb gespielt und mehr zum Kennenlernen genutzt werden. Dann können die Teilnehmer*innen noch stärker ermuntert werden, zu den Fragen ins Gespräch zu kommen. In diesem Fall muss die Leitung eine Endzeit festsetzen.
Feiern und Freizeit-Events
Ich (K.D.) habe Bingos auch schon im Freizeitbereich ohne Bildungsanliegen eingesetzt, z.B.:
- zum Kennenlernen auf Freizeitveranstaltungen: Hier mische ich Fragen zum Veranstaltungsthema mit Fragen, die allgemein zum Kennenlernen und für persönlichen Kontakt interessant sein können. Ich vermeide hier Fragen, bei denen ich einen erhöhten, u.a. normkritischen Austauschbedarf vermute. Ziel ist, Menschen, die sich noch nicht kennen, ins Gespräch zu bringen (auch hier selbstverständlich mit Ausstiegs-/Nicht-Teilnahme-Optionen) und Menschen, denen Smalltalk nicht liegt, Gesprächsthemen fürs Kennenlernen anzubieten. Variationen:
- Eine öffentliche Auswertung (Vorlesen der Fragen und kurze Kommentare der nicht geklammerten Menschen) kann auch hier nett sein, weil sie nochmal ein paar Themen ins Gesamtgruppengespräch einspeisen kann. Sie kann aber auch unterlassen werden und die Methode steht einfach für sich bzw. leitet in unstrukturiertes Socializing über. Wenn mit Gewinnen gespielt wird, gibt es immer ein paar Menschen, die sehr zielorientiert vorgehen, was die entstehenden Gespräche potenziell verkürzt. Gleichzeitig gibt es so einen strukturierten zeitlichen Übergang in den nächsten Programmpunkt (aber auch, wenn die anleitende Person ohne Gewinnen eine zeitliche Begrenzung der strukturierten Methode anmoderiert).
- Es ist auch möglich, die Methode asynchron einfach über das ganze Event mitlaufen zu lassen, damit Menschen darüber ins Gespräch kommen können (also darüber einen Grund zu bieten, ein Gespräch anzufangen, sowie mögliche Themen anzubieten). Das kann entweder für sich stehen oder es kann ein Briefkasten aufgestellt werden, in den fertige Bingos mit Namen der erstellenden Person eingeworfen werden können, und dann zu einem angekündigten Zeitpunkt eine Losziehung mit einem kleinen Preis gemacht werden – mit oder ohne Nennung von Namen und Einladung von Erzählungen.
- auf Geburtstagen, Hochzeiten, persönlichen Jubiläen etc.: Neben den obengenannten Freizeitvarianten, kann es hier auch nett sein, nach Dingen zu fragen, die Gäst*innen mit der/den einladenden/gefeierten Person/en gemeinsam haben, z.B. Hobbies, Lebensweisen, mindestens x Jahre an Wohnort y, Herkunft/Zeit gelebt in Ort z, Generationenzugehörigkeit, Sozialisationserfahrungen, Interessen, berufliche Bezüge, Werte, Urlaube, Ausflüge, Partys, Zugehörigkeiten, Nachdenklichkeiten über ein Thema, Beschäftigung mit einem Thema etc.
- Das kann in allen bei Freizeitveranstaltungen genannten Varianten durchgeführt werden.
- Wenn eine öffentliche Auswertung erfolgt, kann dies neben den obengenannten Potenzialen auch kurze Schlaglichter auf das Leben der einladenden/gefeierten Person/en im gemeinsamen Gespräch ermöglichen. Dann erzählt bei der jeweiligen Frage sowohl die ins Bingo eingetragene Person etwas als auch ggf. ergänzend die einladende/gefeierte Person. Das dauert allerdings erfahrungsgemäß etwas, es kann durch einen Fokus auf nur eine Bingo-Reihe verkürzt werden.
Manchmal entsteht daraus der Wunsch, auch etwas über die nicht in der Reihe genannten Personen zu hören. Das hängt dann von Lust, Aufmerksamkeitsspanne, Zeit etc. ab, ob dafür zu persönlichen Gesprächen ermutigt oder eine große Runde durchgeführt wird, bei der sich z.B. alle eine Frage aussuchen können, zu der sie etwas sagen wollen. Meist gehen die Wünsche diesbezüglich auseinander und die durchführende/n bzw. feiernde/n Person/en müssen entsprechend der eigenen Präferenz entscheiden. Ich rate davon ab, eine ausführliche Aushandlung in einer größeren Gruppe durchzuführen, maximal ggf. ein Stimmungsbild mit Mehrheitsentscheid.
Einbettung
Wir stellen die Fragen für jede Gruppe neu zusammen bzw. prüfen bestehende Bögen auf die Passung mit einer konkreten Gruppe und passen ggf. an.
Wenn die Methode zum Seminareinstieg gewählt wird, sollten die Fragen niedrigschwelliger sein, insbesondere wenn die Gruppe sich noch nicht (gut) kennt und/oder die Leitung die Gruppe nicht kennt bzw. bzgl. der angesprochenen Themen noch nicht gut einschätzen kann.
Dies gilt umso mehr für Gruppen, in denen Ausgrenzung, Abwertung und Diskriminierung an der Tagesordnung sind bzw. bei denen von einem eher schlechten Vertrauensverhältnis ausgegangen werden muss (z.B. in vielen Schulklassen, manchen Teams etc.). Hier sollten eher nette Begegnungen entlang interessanter Fragen sowie inhaltlicher/fachlicher Austausch ermöglicht werden, ohne zu tief in persönliche oder heikle Themen zu gehen. Wenn eine intensivere Variante durchgeführt wird, sollte danach ein Puffer eingeplant werden, falls erweiterter Gesprächsbedarf besteht.
Quellen
verschiedene Quellen, u.a. Bildungsteam Berlin Brandenburg
Eine erste Variante der Methodenbeschreibung ist im Projekt Intersektionale Gewaltprävention entstanden: http://www.dissens.de/isgp/docs/isgp-bingo.pdf
Überarbeitet und deutlich ausgearbeitet von Katharina Debus und Vivien Laumann im Rahmen des Projekts Interventionen für geschlechtliche und sexuelle Vielfalt – Stärkung der Handlungsfähigkeit vor Ort (2015–2019) von Dissens – Institut für Bildung und Forschung e.V., nach Projektende weiter überarbeitet von Katharina Debus, letzter Stand Dezember 2025.
Anhang
Bingo-Vorlagen, die immer geprüft und an konkrete Gruppen angepasst werden müssen.
Die Autorinnenschaft für diese Vorlagen liegt bei Katharina Debus. Sie dürfen, sollen bzw. müssen in der eigenen Arbeit mit Gruppen zielgruppengerecht und entsprechend thematischer Ausrichtung, Anliegen, Gruppendynamik und Zeit angepasst werden. Ich stelle sie nur für Anwendungen unter Beachtung diskriminierungskritischer, vielfaltsorientierter und gegenseitig grenzachtender Werte zur Verfügung.
Im Einsatz mit Multiplikator*innen, die sie ggf. für ihre eigene Tätigkeit verwenden, bitte ich um Verweis auf diese Seite bzw. Austeilen der oben verlinkten Methodenbeschreibung.
Weiterveröffentlichung nur nach Rücksprache mit mir. Verlinkungen sind willkommen, wenn wir die genannten Werte teilen.
Bingo-Vorlage leer zum selbst befüllen
Bingo-Vorlage Jugendliche Fokus Vielfalt/Diversität
Bingo-Vorlage Jugendliche Sexualpädagogik
Bingo-Vorlage pädgogische Fachkräfte Fokus Geschlecht & Diversität
Bingo-Vorlage pädagogische Fachkräfte Fortbildung geschlechterreflektierte Pädagogik
Bingo-Vorlage pädagogische Fachkräfte Fokus Geschlechternormen + etwas Diversität
Bingo template workshop with European teachers on discrimination and human rights