Arbeit mit Spannungsfeldern oder -verhältnissen

Methodenbeschreibung

Katharina Debus, Stand November 2025

Download der Datei als pdf: Arbeit mit Spannungsfeldern-verhältnissen

Weitere Methodenbeschreibungen finden Sie unter: https://katharina-debus.de/material/paedagogik#methodenbeschreibungen-handreichungen-materialsammlungen

Begründung

Manchmal gibt es auf Fragen und Probleme einfache Antworten bzw. Lösungen. Zu Konflikten führen sie aber häufig dann, wenn verschiedene Anliegen, Bedürfnisse, Werte, Ängste etc. in Spannung zueinander treten.

Dies kann zu Polarisierungen in verschiedenen Sinnen des Wortes führen: Menschen, die vieles verbindet, können sich plötzlich als Gegner*innen oder Feind*innen empfinden und den Kontakt zu ihrer Verbindung verlieren. Und/oder Menschen, die eigentlich die verschiedenen involvierten Anliegen/Werte teilen und dabei Ambivalenzen empfinden, können sich mit der einen Seite der Ambivalenz identifizieren und die andere Seite an die andere Person/Gruppe auslagern (Ambivalenzspaltung) und diese ggf. dort bekämpfen. Aus all dem kann eine Polarisierungsdynamik entstehen, in der wir die Handlungen der anderen Person/Gruppe so deuten, dass ein wichtiges Anliegen von uns darin vernachlässigt wird, und dann – wie auf einer Wippe – etwas weiter auf die Gegenseite rücken, damit dieses nicht zu kurz kommt, worauf wieder die andere Person/Gruppe reagiert und auch wieder etwas weiter nach außen rückt und so weiter.

Ich finde interessant, wie sehr sich diese Dynamiken, die ich zuerst im Rahmen von Gruppen-, Community- und aktivistischen Prozessen bearbeitet habe, mit Dynamiken in (Liebes-)Beziehungen ähneln, die u.a. in der psychodynamischen Beziehungsberatungsliteratur beschrieben werden (daher nehme ich z.B. den Begriff der Ambivalenzspaltung).

Mögliche Anliegen/Ziele des Einsatzes der Methode

  • Konflikte bzw. Auseinandersetzungen besser verstehen
  • Perspektivwechsel, Entpolarisierung/Auflockerung von Polarisierungen, das Anliegen der anderen Seite (an)erkennen und idealerweise würdigen können, idealerweise auch Verbindendes (wieder)entdecken, symbolische Entladung des Konflikts (also: Worum geht es genau? Was steht wirklich in Konflikt zueinander? – anstatt dass es immer um das große Ganze geht)
  • auf Grundlage verbesserter Analysefähigkeit Handlungsfähigkeit unter Berücksichtigung von Komplexität erweitern
    • wirkliche Dilemmata anerkennen und möglichst wenig feindselige Wege des Umgangs entwickeln (z.B. priorisieren, Kompromisse, geringere Übel abwägen, bestimmte Anliegen loslassen/betrauern oder reframen können, entsprechende Schritte/Verzichte/Verluste/Entgegenkommen würdigen können/anerkannt bekommen, an bestimmten Stellen getrennte Wege gehen)
    • falsche Dilemmata dekonstruieren und Kreativität mobilisieren für neue Umgangsweisen

Anwendungsfelder

Bisher habe ich die Methode in je unterschiedlicher Art angewendet in Bezug auf:

  • Praktische Gruppenkonflikte: Z.B. ein Teil der Gruppe will Vorträge am Stück und gut strukturiert hören, ein anderer Teil dabei dialogisch vorgehen; die Gruppe gerät darüber in einen offenen oder unterschwelligen Konflikt oder der unzufriedene Teil der Gruppe gerät in einen Konflikt mit der Leitung. Dabei verallgemeinern viele den eigenen Wunsch und nehmen nicht wahr, dass ihre Wünsche in Spannung zueinander stehen und es keine einfache Lösung gibt, die alle zufrieden macht, sondern finden es einfach falsch, wie die Leitung/die anderen handeln.[1]
  • Politische Polarisierungen in Gruppen: Menschen, die politisch viel verbindet, hören Aussagen in einer Weise, in der sie ihr Anliegen nicht gut aufgehoben fühlen, reagieren darauf vehement (oft auf beiden Seiten einer Polarisierung) und nehmen sich als politische Gegner*innen wahr, überhöhen also die Differenz, und nehmen ggf. die anderen als Verräter*innen an ihren eigenen Werten wahr. In diskriminierungskritischen oder feministischen Zusammenhängen z.B. derzeit akut entlang der Spannungsfelder
    • Emanzipation/Empowerment von cis Frauen; Fokus auf klassische feministische Themen wie Gewalt von Männern gegen Frauen; Gebären-Können, Menstruation etc. und deren Benennung z.B. als Frauenthemen; Kritik an der Reduktion von Geschlecht auf Identität; bestimmte Schutzraum-Anliegen <=> Emanzipation/Empowerment von trans* Menschen verschiedener Geschlechter; Transinklusion; Kritik an der Reduktion von Geschlecht auf Körperlichkeit; Kritik am Misgendern von trans Frauen und Täterverdächten ihnen gegenüber, begleitet von sehr hoher Gewaltquote; bestimmte Schutzraum-Anliegen
    • Israel-Palästina(-Iran/-Hisbollah/-…)-Konflikt: rassismuskritische & antikolonialistische Anliegen <=> antisemitismuskritische Anliegen <=> Kritik an religiösem Fundamentalismus (auch hier Polarisierung: Kritik an rechten israelischen jüdischen Siedler*innen und deren Vertretung in der israelischen Regierung <=> Kritik an islamistischem religiösem Fundamentalismus und dessen Vertretung in u.a. Hamas, Iran etc.) <=> Kritik an Relativierungen/Bagatellisierungen von Gewalt an Zivilist*innen (auch dies polarisiert) <=> Verantwortungsübernahme für deutsches Unrecht in der Vergangenheit (auch dies polarisiert) etc.
  • Umgang mit Themen, die oft zu Spaltungen und Zerreißen von Zusammenhängen führen, v.a.: wenn Vorwürfe sexualisierter Gewalt im Raum stehen, die entweder nicht klar belegt werden können und/oder bzgl. derer strittig ist, wie schwerwiegend sie eingeschätzt werden, wie hoch die Wiederholungsgefahr ist und/oder wie viel Gefahr in Zukunft von der beschuldigten Person ausgeht. Hier Arbeit zur Frage: „Was macht es so schwierig?“
  • Beziehungsberatung: Polarisierungen bzw. Spannungsfelder von Anliegen in Beziehungen – privat in Gesprächen bereits öfter erfolgreich angewendet, aber noch nicht methodisch mit Flipchart in der Beratung

Methodische Schritte

Einführung/Framing

Wenn das Thema Spannungsfelder/Spannungsverhältnisse[2] etc. noch nicht eingeführt ist, kurze Rahmung z.B. wie oben: Manchmal gibt es auf Fragen einfache Antworten, auf Probleme einfache Lösungen. Zu Konflikten führen sie aber häufig dann, wenn verschiedene wichtige Anliegen, Bedürfnisse, Werte, Ängste etc. in Spannung zueinander treten.[3]

Wenn es um ein konkretes Spannungsfeld geht (Variante 2a): Ich habe die Vermutung, gerade ist das der Fall. Ich würde mit Euch/Ihnen gerne genauer auf dieses Spannungsfeld schauen.

Wenn viele Spannungsfelder im Spiel sind (Variante 2b):
Entweder: Ich nehme wahr, dass wir es hier immer wieder mit Spannungsfeldern zu tun haben. Ich werde die zwischendurch immer mal auf dieser Flipchart notieren. Dann können wir sie uns später nochmal genauer anschauen.
Oder in der Fachkräftebildung etc.: fachliche Begründung, warum wir uns mit Spannungsfeldern auseinandersetzen sollten, statt einfache Rezepte zu suchen und Ankündigung, ob/wie ich die notieren bzw. wir die besprechen werden.

Wenn mit einem Impuls als Gesprächsgrundlage gearbeitet werden soll (Variante 2c): Die Schwierigkeiten, die ich gerade hier wahrnehme/Ihr/Sie beschrieben habt/haben, tauchen bei diesem Thema ziemlich häufig auf. Ich gebe erst mal einen Überblick, welche wichtigen Anliegen/Werte hier häufig in Konflikt treten. Überlegen Sie/überlegt dabei gerne schon mal, welche Sie/Ihr hier konkret wahrnehmen/wahrnehmt. Nicht alles, was ich erzähle, muss auf die Situation hier zutreffen und vielleicht haben Sie/habt Ihr noch wichtige Ergänzungen.

2 Sammlung/Beschreibung der Spannungsfelder/Spannungsverhältnisse

Variante 2a) Fokussierte Analyse eines spezifischen Spannungsfelds

Ich visualisiere das Spannungsfeld zentral an einer Flipchart. Je nach Vorlauf greife ich Dinge auf, die vorher schon gesagt wurden, biete selbst Formulierungen an (die gerne weiterentwickelt werden können) oder frage die Beteiligten nach Formulierungen. Dabei treten nicht immer exakt zwei Anliegen/Wünsche/Bedürfnisse/Werte in Spannung, es können auch komplexere Felder entstehen. Je nach Kontext z.B.:

In dieser Grafik sind vier verschiedene beispielhafte Spannungsfelder durch Trennstriche getrennt visualisiert: 1: am Stück zuhören versus diskutieren (das versus wird hier und auch in den folgenden Spannungsfeldern mit einem Pfeil in beide Richtungen symbolisiert) 2: ein Spannungsfeld zwischen drei Polen: oben links steht: unbefangen sprechen können oben rechts steht: Antidiskriminierung/Inklusion als Wert unten in der Mitte steht: hier sein können, ohne verletzt zu werden Alle drei Pole werden durch Pfeile verbunden, die in beide Richtung zeigen. 3: auch eine Spannung zwischen drei Polen: links oben steht: ethisch & fachlich gute Arbeit machen rechts oben steht: auf sich aufpassen bzgl. Überforderungen zwischen diesen beiden Polen liegt ein Pfeil der in beide Richtungen zeigt. Der Pfeil ist durchkreuzt durch ein Blitzsymbol. Das zeigt nach unten auf: Arbeitsbedingungen, die diese beiden Anliegen in Spannung bringen. 4: Bindung versus Autonomie
In zwei Spalten stehen sich die folgenden Wünsche gegenüber: links: Wunsch nach gemeinsamer Zeit, Verbundenheit (Bindungssicherheit), wichtig genommen werden, mit Angst/Schmerz nicht alleine gelassen werden (Ko-Regulation/psychische Gesundheit) rechts: Überforderung/Wunsch, genug zu sein/Ruhe (psychische Gesundheit), Autonomie, Respekt vor Grenzen (persönliche Sicherheit), Respekt vor anderen Beziehungen (Sicherheit der anderen Beziehungen)

Variante 2b) Sammlung von Spannungsfeldern nebenbei

Im Verlauf des Prozesses werden auf einer Flipchart Spannungsfelder gesammelt, ohne direkt bearbeitet zu werden. Als eine Würdigung, die Luft für Konzentration auf anderes verschaffen kann. Und als Parkplatz, also als Grundlage, die Themen ggf. später wieder aufzugreifen, in Verbindung miteinander oder getrennt, ggf. auch nach einer gemeinsamen Priorisierung. Hier kann auch zu einem Spannungsfeld (dann braucht es genug Platz) nach und nach konkretisiert, ergänzt, priorisiert etc. werden.

Variante 2c) Impuls-Vortrag zu einem häufigen Spannungsfeld/-verhältnis

Die Beratung, Leitung etc. macht ein häufiges Spannungsfeld/-verhältnis auf als Gesprächsgrundlage, danach gemeinsam zu schauen, was davon wie im konkreten Fall wirksam ist. Wichtig: als häufiges Spannungsfeld für weitere Erkundungen zur Verfügung stellen, nicht als Zuschreibung, dass es hier genauso ist.
Beispiel aus der Arbeit mit einer Community, was den Umgang mit Aufdeckungen von Grenzverletzungen so schwierig machen kann (deutsche Übersetzung zum Bild im Alternativtext:

Zu sehen ist ein Foto einer quer ausgerichteten Flipchart mit englischem Text. Ich gebe ihne hier auf Deutsch übersetzt wieder und ergänze das englische Original, wenn ich keine wirklich gute Übersetzung finde. In der Mitte steht in einem Kreis: Was macht es so schwierig, gute Wege zu finden, um mit Aufdeckungen von Grenzverletzungen (Englisch: consent violations) umzugehen? Der Kreis ist in allen Farben ausgemalt, die drumherum auftauchen. Vom Kreis gehen Striche weg, die jeweils auf ein Thema zeigen. Die Themen sind zur besseren visuellen Unterscheiden mit einer je unterschiedlichen Farbe unterlegt. Von links oben im Uhrzeigersinn: * Verantwortlichkeit, Handlungsfähigkeit (englisch: accountability, ownership, agency) * Sorgen um Freiheit * Sorgen um Gerechtigkeit * Sorgen um Selbstbestimmung * Sorgen um Wahrheit * Bilder über die involvierten Menschen * Wie mit Komplexität umgehen? Wünsche nach einfachen Lösungen * das Gewalt-Thema * der intime Kontext/Rahmen * Ängste: um andere, um uns selbst, um die Community * kulturelle Unterschiede (Milieu-, Generationen-, Geschlechter-, Klassen-, nationale, regionale etc. Kulturen) * Geschlechterverhältnisse * Normalitätsannahmen * Macht-Strukturen * Rollen-Verhältnisse (u.a. verschiedene Rollen in erotischen Interaktionen) * Mangel an Strukturen (u.a. wenn Veranstalter*innen ehrenamtlich tätig sind) * Muster in Umgangsweisen mit Konflikten

3) Arbeit mit den Spannungsfeldern/Spannungsverhältnissen

3a) Spannungsfeld erkunden und verschiedene Anliegen/Bedürfnisse/Werte etc. würdigen, ggf. Differenzen anerkennen

Wenn wir ein Spannungsfeld oder -verhältnis bearbeiten wollen, geht es im ersten Schritt darum, es genauer zu verstehen. Dabei kann, wenn es inhaltlich sinnvoll ist, die Visualisierung weiter ausgebaut werden.

Wenn das Empfinden des Konflikts/der Situation/des Themas chaotisch ist, darf auch die Visualisierung im ersten Schritt chaotisch werden, sie sollte dann aber im nächsten Schritt (ggf. mit zeitlichem Abstand) in einer Form erkundend strukturiert werden, die dabei hilft, auch das Verständnis zu klären (je nach Situation ggf. auch als Strukturierungsvorschlag durch Leitung/Berater*in, der dann weiter verändert werden kann).

Dabei sollte zu Perspektivwechsel und Würdigung der verschiedenen mobilisierten Anliegen, Bedürfnisse, Werte etc. eingeladen werden. Oft kann durch eine konkretisierende und würdigende Erkundung das Thema bereits (etwas) entladen werden.

  • Möglicherweise geht es dann ‚nur‘ noch um das Verständnis eines bestimmten Begriffs oder das Framing einer bestimmten Äußerung und nicht mehr darum, ob ein Mensch politisch auf der anderen Seite steht.
  • Oder es geht ‚nur‘ noch darum, wann A und B sich wie lange sehen, und nicht mehr darum, ob A für B wirklich wichtig ist oder ob B gute*r oder schlechte*r Partner*in ist.

Es kann für die Entpolarisierung hilfreich sein, die Überschneidungen in Werten, Anliegen, Bedürfnissen etc. explizit zu machen, ggf. auch in der Visualisierung. Das gelingt aber v.a. dann, wenn die Beteiligten nicht die Sorge haben, damit über den Tisch gezogen zu werden, also dass ihre Anerkennung/ihr Teilen eines Anliegens etc. danach strategisch gegen sie verwendet werden. Diese Sorge bzw. dieses Misstrauen als Barriere kann ggf. explizit angesprochen und besprechbar gemacht werden.[4]

Differenzen dabei, u.a. normative Konflikte, sollten aber ebenfalls anerkannt und nicht weggeredet werden. Es sollte also als offene Frage bearbeitet werden, wo die Beteiligten auf der Ebene der Anliegen etc. zusammenkommen und wo nicht.

Wenn der Konflikt v.a. symbolisch ist, es also v.a. um Bedeutungen von Handlungen etc. geht, kann dieser Schritt schon viele Knoten lösen und möglicherweise auch für sich stehen bleiben. Andernfalls geht es dann ggf. mit vertiefter Analyse und der Suche nach Handlungsoptionen weiter.

3b) Ggf. erschwerende bzw. auslösende Faktoren identifizieren

Es kann hilfreich für die Suche nach Umgangsweisen sein, im nächsten Schritt zu schauen, ob es spezifische Faktoren gibt, die Umgangsweisen erschweren, das Spannungsfeld überhaupt erst aktivieren oder eine Polarisierungsdynamik auslösen. Beispiele dafür aus meiner Arbeit:

  • Stress/Überforderung/Zeitdruck/Angst/Erschöpfung/Müdigkeit
  • unerfüllbare innere oder äußere Aufträge
  • Bedrohungserfahrungen oder -wahrnehmungen, ggf. auch außerhalb der konkreten Konstellation, z.B. durch politische oder biografische Ereignisse oder Situationen in anderen Lebensbereichen oder Beziehungen
  • Sorge um andere
  • Misstrauen aus konkretem Anlass in der Konstellation oder aus schlechten anderweitigen Vorerfahrungen
  • Anerkennungsdefizite
  • Komplexität (z.B. Situationen, in denen sehr viele verschiedene Anliegen/Bedürfnisse aufeinander treffen)
  • aufgeladene Anlässe (politisch z.B. Gedenktage, privat z.B. bedeutsame Feiertage)
  • reale Konkurrenzsituationen (Zeit, Geld etc.)
  • bestimmte besonders spannungsgeladene Konstellationen von Menschen oder Akteur*innen (insbesondere falls diese auch ggf. veränderbar, vermeidbar, erweiterbar etc. sind)

Wenn es solche erschwerenden oder auslösenden Faktoren gibt, ist es oft nötig, entweder zuerst oder begleitend während des nächsten Schrittes immer auch zu schauen, wie diese erschwerenden oder auslösenden Faktoren bearbeitet, reduziert, entspannt, reframed etc. werden können bzw. mit ihnen umgegangen werden kann.

In diesem oder einem eigenen Schritt könnte auch ggf. der Einfluss früherer Erfahrungen (aus dieser Konstellation, aus der Kindheit, aus anderen Zusammenhängen, aus politischen Kontexten etc.) erarbeitet und in anderer Farbe der Visualisierung hinzugefügt werden. Dabei könnte farblich differenziert werden zwischen den Inhalten der konkreten Situation und dem, was alles huckepack mit dazu kommt. Dadurch kann eindrücklich werden, wie sich die Situation für eine oder beide Seiten mit etwas auflädt, was für die andere gerade gar nicht greifbar ist. Und es kann besprochen werden, welche Umgangsmöglichkeiten mit dieser Aufladung es gibt.

3c) Kreative Lösungen suchen

Wenn es (auch) um handlungspraktische Fragen geht, ist es in der Regel sinnvoll, dann an möglichen Umgangsweisen zu arbeiten. Manchmal liegen schon Lösungen auf der Hand, wenn das Spannungsfeld besser verstanden und die verschiedenen Bedürfnisse, Anliegen, Werte etc. (an)erkannt sind.

Oft braucht es einen weiteren Prozess, wenn die präferierten Lösungen/Umgangsweisen der Beteiligten in Spannung zueinander stehen. Dann kann es möglich sein, kreativ zu werden und zu schauen, durch welche anderen Handlungen, Bearbeitungen, Vorgehensweisen etc. die Anliegen, Bedürfnisse, Werte etc. ebenfalls verfolgt werden könnten.

Wenn es nicht gleich Ideen für Schnittmengen gibt, kann auch auf z.B. beiden Seiten einer Polarität erstmal (ggf. auch in Einzel- bzw. Kleingruppenarbeit) gebrainstormt werden, welche Möglichkeiten es gibt, das jeweilige Anliegen aufzugreifen, und dann nach möglichen Schnittmengen geschaut werden.

Oft finden sich hier neue Ideen des Umgangs und scheinbare, falsche Dilemmata können dekonstruiert werden, also es können neue Zwischenräume jenseits der Polarisierung eröffnet werden.

3d) Umgang mit realen Dilemmata

Manchmal stoßen wir dabei aber auch auf reale Dilemmata, bei denen es nicht möglich ist, alle Anliegen, Bedürfnisse oder Werte zu erfüllen oder jedenfalls nicht auf einmal oder noch nicht jetzt. Das trifft z.B. teilweise bei Ressourcen-/Zeitmangel zu oder bei Entweder-Oder-Entscheidungen (u.a. in einer Lerneinheit zwischen zwei Lernstilen entscheiden müssen, sich bei einem Event zwischen der Teilnahme der eines Übergriffs beschuldigten oder der betroffenen Person entscheiden müssen, sich für Silvester zwischen zwei oder mehr inkompatiblen Konstellationen entscheiden müssen, ein Kind zusammen kriegen oder nicht etc.).

Solche Dilemmata sollten erstmal gewürdigt und der Schmerz, der oft darin steckt, sollte anerkannt werden. Dabei kann es möglich sein, den Schmerz zu trennen von Feindschaftsgefühlen gegenüber der anderen Seite, wenn diese in ihren Anliegen ebenfalls gewürdigt wird.

Darauf aufbauend können Möglichkeiten des Umgangs abgewogen werden, u.a.:

  • Prioritäten abwägen
  • Sequenzieren – Optionen hintereinander verfolgen und Reihenfolgen entscheiden
  • Kompromisse schließen
  • In Anerkennung, dass es keine perfekte Lösung gibt, geringere Übel abwägen
  • bestimmte Anliegen loslassen und ggf. betrauern
  • bestimmte Anliegen reframen
  • entsprechende Schritte, Verzichte, Verluste, Entgegenkommen etc. der anderen Seite würdigen bzw. die eigenen anerkannt bekommen
  • an bestimmten Stellen oder ganz getrennte Wege gehen

Literatur

Debus, Katharina (2012): Vom Gefühl, das eigene Geschlecht verboten zu bekommen. Häufige Missverständnisse in der Erwachsenenbildung zu Geschlecht. In: Dissens/Debus, Katharina/Könnecke, Bernard/Schwerma, Klaus/Stuve, Olaf (Hg.): Geschlechterreflektierte Arbeit mit Jungen an der Schule. Berlin: Dissens. S. 175–188. https://jus.dissens.de/material/abschlusspublikation [letzter Zugriff: 23.10.2025].

Debus, Katharina (2021): Diskriminierungsreflektierte Sexualpädagogik. In: Thuswald, Marion/Sattler, Elisabeth (Hg.): Sexualität, Körperlichkeit und Intimität. Pädagogische Herausforderungen und professionelle Handlungsspielräume in der Schule. Bielefeld: transcript. S. 69–94. https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-5840-8/sexualitaet-koerperlichkeit-und-intimitaet/ [letzter Zugriff: 23.10.2025].

Debus, Katharina/Saadi, Iven (2024): Gestaltung von Ankommens-Situationen in Bildungs-Angeboten zu Diskriminierung, Ungleichheit oder polarisierten Themen. Berlin: BildungsBausteine & Dissens – Institut für Bildung und Forschung. https://www.bildungsbausteine.org/projekte/zusammen-denken-zusammen-handeln/fachtexte [letzter Zugriff: 23.10.2025].


[1] Einen solchen Konflikt habe ich neben inhaltlichen Missverständnissen besprochen in Debus 2012.

[2] In den meisten Fällen, in denen ich diese Methode anwende, spreche ich von Spannungsfeldern. Wenn es um sehr komplexe Themen geht, bei denen eine Vielzahl von wichtigen Anliegen/Werten dauerhaft in Spannung zueinander geraten, spreche ich tendenziell eher von Spannungsverhältnissen, z.B. im Umgang mit Vorwürfen sexualisierter Gewalt oder bzgl. des Israel-Palästina-(ggf. plus x-)Konflikts oder zwischen den Ebenen Körper, Identität, Fremdzuschreibung und gesellschaftlicher Struktur in Geschlechterverhältnissen. Das ist aber einfach mein Sprachgebrauch und ist aus meiner Sicht frei entlang des eigenen Sprachgefühls wählbar.

[3] Wenn ich ein didaktisches Anliegen zur Beschäftigung mit Spannungsfeldern statt der Suche nach einfachen Schein-Rezepten habe, v.a. in der Fachkräfte-Bildung, begründe ich das ausführlicher fachlich, wie z.B. in Debus 2021, Kapitel 4.

[4] In der Bildungsarbeit bemühe ich mich wenn möglich auch bereits präventiv um Vorentlastungen von Vertrauens- und Misstrauensthemen, wie z.B. beschrieben in Debus/Saadi 2024. In der Beziehungsberatung ist das ohnehin Dauerthema.